Selva II

Eigentlich soll es am ersten Morgen gleich um 6 Uhr los zu einer kleinen Lagune gehen, aber das Wellblechdach verrät, dass es ausgiebig regnet und so können wir etwas länger liegen bleiben. Als der Regen nach dem Frühstück etwas nachlässt, geht es endlich los. Darwin rüstet uns mit Gummistiefeln aus, wir werden sie brauchen. Nach einem kleinen Fußmarsch kommen wir bei der Lagune an, mit einem Balsafloß schippert uns Darwin auf die andere Seite, wo wir eine kleine Runde drehen. Es ist schwül-warm und die Geräuschkulisse kann sich hören lassen. Besonders die Hoatzin können wir beobachten, große Vögel, die in mehrerlei Hinsicht sehr besonders sind. Seine Verwandtschaft zu anderen Vögeln ist gänzlich ungeklärt, weswegen sie meistens einer eigenen Ordnung zugeordnet werden. Die Jungtiere haben Krallen an den Flügeln, um wieder ins Nest zu gelangen, falls sie dort einmal herausfallen. Das Verdauungssystem der Vögel erinnert an Wiederkäuer, was dazu führt, dass sie nicht sonderlich gut riechen und auch Stinkvogel genannt werden.  

Später am Tag geht es mit dem Geländewagen weiter (wichtig, da es einige Flüsse zu durchqueren gilt), bis nach Shintuya wo wir Omar wieder treffen und Jochen einsammeln. Jochen gehört zur Volksgruppe der Harakmbut und wird das kleine Boot lenken, mit welchem wir flußabwärts auf dem Alto Madre de Dioszu einem kleinen Ressort fahren. Das gehört ebenfalls seinem Stamm und verfügt über eine wunderbare heiße Quelle zum ausgiebigem Baden. Hier bleiben wir die kommenden zwei Nächte und machen weitere Ausflüge in die Umgebung. Dabei muss der Tagesablauf gut geplant werden, sobald es einmal etwas länger nicht regnet, geht es entweder mit dem Boot noch tiefer in den Regenwald oder wir starten direkt von dem Camp aus und wandern zum nahegelegenem Wasserfall um auch dort ein Bad zu nehmen.

Die Wanderungen durch den Wald werden alle paar Minuten unterbrochen und Darwin erklärt uns spannende Dinge, die uns ohne ihn wohl gar nicht aufgefallen wären. Die Tier- und Pflanzenwelt ist einfach nur überwältigend, wir lernen Termiten- von Ameisenbauten zu unterscheiden (Termiten scheuen das Licht und haben deswegen geschlossene Kanäle den Baum herunter), ebenso wie verschiedensten Überlebenstrategien, die sich die Bewohner ausgesponnen haben. 

So gibt es die Blattschneiderameisen, die die Blätter von teils wirklich weit weg herantragen. Die Blätter werden klein geschnitten, in speziellen Kammern aufbewahrt, wo dann Pilze auf den Blätter wachsen, von denen sich die Ameisen ernähren. 

Die Azteca-Ameisen haben eine andere Strategie: sie gehen eine Symbiose mit bestimmten Bäumen ein und leben unter der Rinde des Stamms und ernähren sich von den Nährstoffen des Baumes. Im Gegenzug sorgen sie dafür, dass der Baum optimal wachsen kann, in dem sie alle Pflanzen im Umkreis abtöten. Sehr deutlich sind um die Stämme Umkreis von zwei Metern nicht einmal Sprösslinge zu sehen.  

Beindruckend sind auch die Stelzenpalmen, laufenden Bäume, die ihr Wurzeln von oben nach unten wachsen lassen und je nach Bedarf – zum Beispiel bei besseren Lichtverhältnissen – ganz langsam wandern, in dem sie ihre Wurzeln immer nur in eine bestimmte Richtung ausbilden und die Wurzeln in der anderen Richtung absterben. Dieses laufen benötigt dann natürlich ein paar Jahrzehnte für ein paar Meter.

Eine weniger freundliche Überlebensstrategie hat die Strangler Fig, welche sich nach und nach um einen Baum schlingt und sich von diesem dann so lange ernährt, bis er gänzlich verschwunden ist.

Wir sehen verschiedenste Affen, einige von ihnen erwischen wir sogar dabei, wie sie sich an dem Bananenbaum vergreifen, welcher in der Nähe des Comidors (großes Gemeinschaftshaus, in dem gegessen wird) steht. So gab es dann nur am ersten Morgen Bananen zum Frühstück. Jochen verpasst uns die für die Harakmbut typischen „Tatoos“, Darwin würde sagen, dass sie so ähnlich sind, wie auch die Angehörigen des Stammes, etwas groß und eher grob. Die Tattoos basieren auf dem Saft einer Frucht funktionieren mit der selben wirkweise wie Henna-Tattoos in Indien, sie bleiben ca. eine Woche sichtbar. Am zweiten Tag gehen wir in der Nähe der alten Farm von Darwins Familie wandern und beobachten dabei unter anderem nistende Hellrote Aras. Mittlerweile steht auf dem Gelände der ehemaligen Farm von Davids Familie eine recht große Ressort-Anlage, die über Weihnachten aber komplett leer steht. 

Nach zwei Nächten im Dschungel ohne jeglichen Straßenanschluss geht es mit Boot und Geländewagen wieder zurück nach Salvacion. Hier verbringen wir noch einmal 2 Nächte und nutzen tagsüber die Gelegenheit, uns im Ort umzuschauen, Bananenchips zu essen, Bier zu trinken und den Fußballspielen zu folgen. Der Ort ist Hauptstadt der Region und hat demzufolge ein ansehnliches Verwaltungsgebäude, was mitten auf der grünen Wiese steht.   

Außerdem entspannen wir ein wenig in dem sehr schönen Garten von Darwin und Melba und lauschen der beeindruckenden Geräuschkulisse aus Vögeln, Fröschen und immer wieder Regenfällen mit starken Gewittern. Als Tribut an Weihnachten, welches wir hier denkbar unweihnachtlich begehen, trinken wir an einem Abend selbstgemachten Glühwein mit Darwin. Bei ohnehin kuschligen 25 Grad. 

Auf dem Rückweg nach Cusco halten wir noch in einem Tiershelter. Hier landen Affen, Papageien und sonstige Tiere, die als Haustiere gehalten werden sollten, bevor die Besitzer gemerkt haben, dass sich Wildtiere eher schlecht im Haus machen. Viele sollen wieder ausgewildert werden, einige – besonders die beiden Affen – sind mittlerweile aber sehr an Menschen gewöhnt und werden wohl eher bleiben. Immerhin gibt es keine großen Zäune oder ähnliches, was sie davon abholten würde, diesen Ort zu verlassen. So traurig die Geschichten der Tiere teils auch sind – irgendwie ist es trotzdem beeindruckend, diese dann einmal aus unmittelbarer Nähe und nicht immer nur durch das Fernglas sehen zu können. Wir sehen Zweifingerfaultiere (jung und alt), einen Tapir, einen Klammeraffen, ein gehaubtes Kapuziner-Äffchen, verschiedene Aras, eine Schlange, Schildkröten und Wildschweine.  

Selva I

Nachdem die Wettervorhersage in Huaraz weiteres Wandern wenig attraktiv erscheinen lässt, entschließen wir uns, Weihnachten im Selva (Regenwald) zu verbringen. Dafür wollen wir in den MANU Nationalpark, welcher östlich von Cusco liegt und zu den größten und diversesten Nationalparks im gesamten Amazonasgebiet gehört. 

Dafür geht es auf dem Landweg von Huaraz nach Cusco, mit kurzem Zwischenstop (11 Stunden) in Lima. Nach zwei Nächten im Bus sind wir froh, als wir endlich am frühen Nachmittag in Cusco ankommen und in einem kleinen Hotel einchecken. Am nächsten Morgen treffen wir uns dort mit Darwin, der uns die nächsten Tage begleiten wird. 

An dieser Stelle muss man einige Worte zu Darwin verlieren, denn er ist wirklich ein Original. Seine Vorfahren sind aus Frankreich und Italien während des Kautschuk-Booms nach Peru gekommen. Zusammen mit seinen 5 Brüdern und seinem Vater ist er auf einer kleinen Farm mitten im Regenwald aufgewachsen, einige Jahre davon hat er in einer Missionsschule in einem Dorf der Harambut verbracht und seinen Vater nur selten gesehen. Er ist studierter Biologe und lebt mit seiner Familie teils im Selva, teils in Cusco. Mit Exkursionen für Journalisten und TV-Teams (BBC, National Geographic aber auch Shows ähnlich dem Dschungel Camp) sowie Touristen verdient er sein Geld; wenn seine Pläne aufgehen, wird er in den nächsten Jahren eine größere Unterkunft im Selva errichten (er hat schon das Grundstück) oder Bürgermeister von Salvación sein. Oder aber eine weitere verloren geglaubte Stadt im Dschungel gefunden haben. Hobbyarchäologe ist er nämlich auch: regelmäßig lässt er sich mit gutbetuchten Chilenen mit einem Hubschrauber im Dschungel absetzen, um sie zu finden. Das eine oder andere Artefakt vorheriger Exkursionen konnte er auch präsentieren.

Mit seiner tief ins Gesicht gezogenen Käppi, seiner Sonnenbrille und seinem oft etwas rauem Ton wird er uns in den nächsten Tagen in die großen und kleinen Geheimnisse des Regenwalds einführen, viel über Pflanzen- und Tierwelt erklären und stets mit sehr gutem Essen versorgen. 

Erst einmal müssen wir aber von Cusco in diesen sagenumwobenen Selva kommen. Früh morgens holt uns Darwin mit seinem Fahrer Jimmy ab, wir sammeln noch Omar ein, der auch in Salvación wohnt und gerade von der Uni kommt und fahren los. 

Nach ein paar Stunden stoppen wir in Ninamarca, eine archäologische Stätte mit per-Inka-Gräbern. Es ist nicht ganz klar, zu welcher Kultur sie gehören, aber sie waren wohl nomadisch – es gibt keine Stadt oder Zeichen von Landwirtschaft drumrum.

Weiter geht es durch die Berge, in dem Dorf Paucartambo gibt es einen Zwischenstopp für ein zweites Frühstück. Wir besuchen ein kleines ethnografisches Museum, in dem uns Darwin schon mal einiges erklärt. Einerseits über die Indigenen der Region, andererseits über ein jährlich stattfindendes Festival für Unsere Liebe Frau auf dem Berge Karmel: dazu gibt es bunte Masken von allen möglichen Stereotypen von Berufsständen oder auch Sklaven (die weinen immer…).

Nach Paucartambo werden die Straßen schlechter und wir fahren bergauf durch die Wolken. Auf dem Bergpass kündigt ein großes Schild den Beginn des Nationalparks an, jetzt sind wir also Nebelwald, der seinem Namen alle Ehre macht. Wir bekommen erste Kostproben von Darwins Führertalent – er entdeckt Pumascheiße.

Die Straße ist unbefestigt und größtenteils einspurig, es ist die einzige Straße, die in den Nationalpark führt. Es geht entlang an steilen Berghängen, die mit dichter Vegetation überwuchert sind. Ab und an muss ein Fluss durchquert werden, nicht selten erspäht Jimmy einen Vogel oder Affen und wir machen einen kurzen Stopp, um uns diese etwas besser anzusehen. Ohne Fernglas wären wir hier jedoch verloren, denn meist spielt sich das Geschehen in hohen Baumgipfeln ab. Wir sehen unter anderem einen Black Solitary Eagle, einen Golden-Headed Quetzal, Tayras (sehen erstmal aus wie Affen, sind aber Marder), Wollaffen, die ersten riesigen Farne. Wir halten auch an einem speziellen Ausguck, wo man den Nationalvogel Perus bei der Balz beobachten kann: den Andenfelsenhahn (Cock of the Rock). Die Kamera hat leider nicht genug Tele, um die fernen Tiere gut einzufangen.

Nach und nach werden die Berge flacher und wir fahren häufiger durch kleine Dörfer. Mittlerweile sind wir über 11 Stunden unterwegs und die Dunkelheit bricht sehr schnell herein. Kurz bevor wir in Salvación ankommen, muss noch ein größerer Fluss durchquert werden, nach dem Regen der letzten Tage und bei der Dunkelheit keine leichte Aufgabe für Jimmy. Hinter uns wartet ein Colektivo (Sammeltaxi bzw. Bus) und es wird eine kurze Brücke aus herumliegenden Holz gebastelt, die zusammenbricht, während wir sie passieren, aber es klappt trotzdem.

Wir lernen lernen Darwins Frau Melba kennen und werden gut bekocht. Bei Gewittergrollen schlafen wir kurz darauf unter unserem Moskitonetz ein.  

Feliz Navidad

Natürlich macht Weihnachten auch vor Peru nicht halt. Wie sollte es auch, dass Land ist schließlich überwiegend katholisch. Wer nicht katholisch ist, ist vermutlich evangelisch oder Zeuge Jehovas. Alle anderen Gruppen sind vernachlässigbar klein.

Auch wenn das gute Wetter (Ende November waren wir noch in Arequipa) bei uns gar keine rechte Weihnachtsstimmung aufkommen lassen möchte, bemerken wir doch die Veränderung in der Stadt. Überall, d.h. in jedem Laden, vor jeder Kirche, auf jedem größeren Platz, werden Nacimientos (Krippenspiele) aufgebaut, einige sogar mit Lamas und Maria und Josef in traditioneller peruanischer Kleidung der jeweiligen Region. Babyjesus fehlt meist, und wir warten noch ab, ob er dann nach dem 24. vermehrt auftaucht.

Darüber hinaus sind blinkender Lichterschmuck und Nachahmungen von Tannenbäumen groß im Trend. Besonders schön: die Lichterketten blinken nicht nur, nein sie ändern auch die Farbe und dudeln leise die bekanntesten Weihnachtsmelodien vor sich hin. Gerne auch mal im Chor und asynchron.

Der größte und meistblinkentste Baum steht auf dem Plaza de Armas in Arequipa, dessen Eröffnung wir zufällig beiwohnten.

Aktuell sind wir nicht mehr in Huaraz, sondern in Cusco. Wandern in Huaraz war sehr schön, Bilder folgen später. Wir werden Weihnachten im Regenwald verbringen, Vögel beobachten und Boot fahren. Vermutlich ohne Handy- und Internetempfang – entschuldigt also bitte verspätete Weihnachtsgrüße und -antworten.  

Santa Cruz Trek

Audio: Zeltatmosphäre, Gaskocher, peruanische Volksmusik

Aus der Idee, die Cordillera Huayhuash in einer 10 Tageswanderung zu umrunden, wird leider nichts. Die Wettervorhersage ist wenig optimistisch und schweren Herzens folgen wir dem Rat Orlandos, der uns statt dessen den Santa Cruz Trek mit anschließender Wanderung zur Laguna 69 empfiehlt, insgesamt 5 Tage mit rund 80 km Strecke in der Cordillera Blanca.

Wir werden auf der Wanderung von einem Guide und einem Arriero (Eseltreiber) begleitet, der mit seinen Tieren einen Großteil des Equipments (Verpflegung, Zelte etc.) transportiert und auch für den Auf- und Abbau des Camps verantwortlich ist. Es fühlt sich etwas komisch an, mit einer so großen Karawane unterwegs zu sein, aber es ist zugegebenermaßen auch sehr praktisch.

Cesar, unseren Guide für die Wanderung, lernen wir bereits bei Abreise in Huaraz kennen. Renaldo, der uns mit zwei Eseln, einem Muli und einem Pferd begleitet, treffen wir in Cashapampa, dem Ausgangsort unserer Wanderung.

Die Strecke an Tag 1 ist mit rund 13 km nicht so lang, dafür geht es fast 1000m hoch, zu unserem ersten Camp, welches auf über 3700 Höhenmetern liegt. Tag 2 ist etwas länger, insbesondere weil wir einen kleinen Abstecher zu einem schönen See auf über 4400m Höhe machen. Nach 22km kommen wir am Nachmittag recht erschöpft im Camp an. Wie schön der Ausblick von hier ist, sehen wir aufgrund der Wolken erst am nächsten Morgen.

In die Tagesroutine finden wir uns schnell ein: um 6 Uhr wird mit einem Coca-Tee aufgestanden, dann Sachen packen, Frühstück und los. Unterwegs machen wir kleinere Pausen, Cesar hat am Abend zuvor jeweils das Mittagessen des kommenden Tages zubereitet. Gegen 16-17 Uhr kommen wir wieder im neuen Camp an, ein wenig verschnaufen, später Dreigängemenü mit Cesar und Renaldo im Gemeinschaftszelt, in dem Cesar auch kocht, was es schön warm macht. Gegen 20 Uhr sind wir meistens schon im Schlafsack verschwunden und entgehen so dem Regen, den es nahezu jeden Nachmittag bis in die Nacht hinein zuverlässig gibt. Gerne auch mal am Morgen oder über Mittag. Je nachdem – Regenzeit eben. Um so mehr schätzen wir die Momente, in denen die Sonne raus kommt.  

Was unsere Karawane noch etwas größer werden lässt: ab der ersten Minute werden von einer trächtigen Hündin begleitet. Cesar und sie sind alte Bekannte, er berichtet, dass sie wie einige andere Hunde auch, sich immer wieder den verschiedenen Wandergruppen anschließt und 4 Tage in die eine Richtung und dann wieder 4 Tage zurück in die andere Richtung läuft. Sie folgt uns ständig und ist äußerst zuverlässig dabei, alle Essensreste zu beseitigen. Wir schließen sie schnell in unser Herz und nennen sie liebevoll Perrita.  

Tag 3 ist besonders und wir haben vor Beginn der Wanderung den meisten Respekt vor diesem Tag, den er bedeutet direkt zu Beginn einen steilen Anstieg auf über 4700 Höhenmeter, hinauf zum Pass Punta Union, der Teil der kontinentalen Wasserscheide ist: die Flüsse auf der Bergseite, die wir hochsteigen, fließen in den Pazifik, die auf der Bergseite, die wir hinabsteigen, durch den Regenwald und diverse Länder in den Atlantik. Auf dem Weg nach unten begegnen wir erstmals größeren Gruppen, die mit noch mehr Eseln unterwegs sind, die Wanderer haben sichtbar mit der Höhe und dem Anstieg zu kämpfen. Dabei gibt es auch bei uns den ersten Verlust zu verzeichnen. Perrita entschließt sich ohne große Verabschiedung bereits jetzt umzudrehen und den anderen Gruppen zu folgen. Mehr Esel bedeutet mehr Essen für sie. Nach einem langen Abstieg kommen wir nach rund 18 km bei Hagelregen in unserem Camp an.

Tag 4 ist bereits das Ende des klassischen Santa Cruz Treks. Am Morgen – bei klarer Sicht – entdecken wir, dass unser Camp bereits in Sichtweite zu einem kleinen Dorf war. Wir steigen weiter hinab um dann auf der anderen Talseite wieder hochzusteigen. Hier verabschieden wir uns von Renaldo und seinen Tieren und warten mit Cesar und dem ganzen Equipment auf das nächste Colectivo, welches uns zu unserem nächsten Camp an einem großen See bringen soll. Das Colectivo kommt und ist bereits gut gefüllt, eine Band mit Instrumenten – inklusive Harfe – belegt einen Großteil des Transporters. Cesar guckt skeptisch, aber der Fahrer, der gleich raus springt, sich am Bauch kratzt und dann flugs aufs Dach krakelt ist sehr davon überzeugt, dass er alles mitbekommt. Bekommt er auch. Wir nehmen die letzten drei Sitzplätze ein und holpern zwei Stunden über unbefestigte Straßen. Dabei bewundern wir die Fähigkeit der Peruaner quasi überall und in jeder Körperhaltung zu schlafen. Tolle Eigenschaft.

Am See angekommen, werden die Zelte errichtet und Mittag gekocht. Wir warten den Regen ab und spazieren dann noch einmal die Straße entlang und bewundern die schönen Seen. Hier trifft man bereits die Reisebusse, die von der Tour zum Lake 69 zurück kommen. Morgen werden wir auch dorthin aufbrechen.

Der Lake 69 liegt auf über 4500 Höhenmeter, die Wanderung dorthin sind von unserem Camp rund 8 km. Der See – tatsächlich nur mit Nummer, ohne weiteren Namen – ist ein gefragtes Ausflugsziel für Tagestouristen aus Huaraz. Mit einem frühen Start von unserem Camp aus können wir dem Ansturm etwas entgehen und haben den See am frühen Morgen ganz für uns. Als wir oben ankommen, regnet es leider. Der Ausblick am See ist ohne Wolken vermutlich noch etwas spektakulärer, aber wir sind trotzdem beeindruckt. Eine kleine Ente dreht einsam ihre Runden auf dem See. Auf dem Weg bergab sehen wir nicht nur viele andere Wanderer, sondern auch den höchsten Berg Perus, den Huascarán Sur mit 6768 Metern. Nach einem letzten Mittagessen im Camp geht es zurück nach Huaraz, ca. 3 Stunden im Auto.

Am Abend treffen wir uns noch mit Cesar, Orlando, einem anderen Paar und ihrem Guide im Haus von Orlando. Es gibt sehr viel und sehr gutes Essen, dazu viel Pisco Sour, der direkt aus einem großen Mixer serviert wird.

Gerade weil die fünf Tage eine so schöne Erfahrungen waren, nehmen wir uns fest vor, irgendwann wieder zu kommen und doch noch die Umrundung der Cordillera Huayhuash zu machen.

Training in Huaraz

Nach Huaraz sind wir gekommen, um zu wandern. So wie ungefähr alle anderen Touristen hier auch. Allerdings sehen wir kaum welche, es ist Regenzeit und Nebensaison und dementsprechend leer. Huaraz ist eine nette kleine Stadt, etwas rauer als das hübsche Arequipa. Am Plaza de Armas steht ein großes unfertiges Gebäude – die örtliche Kirche, welche im letzten großen Erdbeben in den Achtzigern zerstört wurde und seitdem wieder neu aufgebaut wird. Wir testen das örtliche Straßenessen und bestaunen mehr oder weniger unauffällig die bunten Trachten der Frauen, die hier nicht nur Folklore sondern noch Alltagskleidung sind.  

Durch Internetrecherche und viele Mails später, finden wir eine nette kleine Agentur für Wandertouren, betrieben von Orlando, dem wir uns anvertrauen. Direkt am ersten Morgen nach unserer Ankunft treffen wir uns mit ihm und besprechen die Möglichkeiten. Da Timur noch eine Woche remote arbeitet, bleibt uns noch etwas Zeit, kürzere Wanderungen zu unternehmen und regelmäßig das Wetter zu checken.

So geht es einen Tag zu einem Ausguck oberhalb von Huaraz, welches in einem schönen Tal liegt: Bei gutem Wetter wird der Ausblicke auf die schneebedeckten Berge ringsum frei. Am anderen Tag fahren wir mit dem Colectivo (Sammeltaxi) vor die Stadt und wandern dort zwischen pittoresken Dörfern und Feldern bergauf zu einer kleinen Lagune. Dabei werden wir meistens von einem oder zwei Hunden begleitet, die schnell so viel Herdeninstinkt entwickeln, dass sie uns tapfer gegen andere Hunde verteidigen.  

Mit diesem kleinen Trainingsprogamm und einer Woche Akklimatisation in Huaraz, sollte der großen Wanderung nun nichts mehr im Wege stehen.

Tschüss, Arequipa

Arequipa war der bislang längste Halt unserer Reise. Fünf Wochen verweilten wir hier. Zwei Wochen als Gäste von Berenice und drei Wochen in unserem eigenen, riesigen Apartment mit Misti-Blick, drei Badezimmern plus Gästeklo, Nachtwächter und sogar anständigen Soundanlagen und Fernsehern.

Regelmäßig trafen wir uns mit Alejandro, gingen feiern, essen oder ließen uns von seiner Mutter mit heißer Schokolade versorgen – frisch aus Cusco importiert und aufwendig zubereitet. Zum Abschied haben wir sogar noch Kaffee und Schokolade zum Mitnehmen bekommen.

Der Unterricht war intensiv und hat uns sehr weit gebracht, lieben Dank an Viki, Rosa und Lula!

Nun haben wir unsere erste große Busreise hinter uns, 24 Stunden, es war überraschend entspannt. Der Übernachtbus von Arequipa nach Lima hatte riesige, breite Ledersitze, die man komplett flach zu einem Bett umklappen konnte. Mit einem spektakulär schnellen Umstieg in Lima (13 Minuten für den Umstieg inklusive Ticketkauf), ging es am Morgen mit dem nächsten Bus weiter nach Huaraz. Bei dem Weg hinaus und hinein aus Lima sahen wir Perspektiven auf die Stadt und ihr Umland, die wir auf der Hinreise mit dem Flugzeug nicht wahrgenommen hatten. Später dann schöne Bergansichten.

Nun sind wir also seit vier Tagen weiter im Norden, in Huaraz, um hier eine große Wanderung zu machen. Leider ist nicht die richtige Saison, denn Sommer ist hier Regenzeit. Wir checken täglich den Wetterbericht und hoffen, dass wir ein paar trockenere Tage erwischen, um die Cordillera Huayhuash zu umrunden.

Almuerzo

Das Mittagessen nimmt in der peruanischen Küche einen wichtigen Platz ein, wichtiger als das Abendessen. Dies führt auch dazu, dass ein Großteil der Restaurants abends geschlossen hat. Mittags gibt es dafür eine Vielfalt an Lokalen, die wechselnde Mittagsmenüs – Entrada, Segundo, Refresco und Postre – für 8 bis 12 Soles (2 bis 3€) anbieten. Wir gewöhnen uns recht schnell daran und finden nahe der Sprachschule ein Restaurant, welches uns direkt am ersten Tag deswegen ins Auge sticht, weil es auch Salat anbietet, was in Peru sonst eher selten ist.

Nachdem wir noch zwei-drei andere Restaurants in der Nähe ausprobiert haben, beschließen wir, dem Restaurant ohne Namen von Tag eins die Treue zu halten. Wir werden dort Caseros, Stammgäste. Sehr schnell begrüßt und verabschiedet man uns außergewöhnlich freundlich und als wir am letzten Tag unsere Weiterreise verkünden, zeigt der nette Kassierer kurz echte Betroffenheit. Man wünscht sich alles Gute für die Weiterreise und überhaupt das Leben.

Manchmal wird das Mittagessen nicht nur von den TV-Nachrichten (Hauptthemen: die Korruption und das bevorstehende Verfassungs-Referendum) begleitet, sondern ab und an verirren sich auch Musiker ins Restaurant und geben Klassiker zum besten.     

Hier essen wir auch zum ersten Mal Aji de Gallina, ein peruanisches Gericht, welches entfernt dem deutschen Hühnerfrikassee ähnelt. Vor einiger Zeit hatten wir das Essen schon einmal in Berlin gekostet, damals hatte Evelyn es gekocht, allerdings etwas schärfer, als das Original es vorsieht. Natürlich schicken wir Evelyn ein Selfie mit dem Essen.   

Mit Anfang Dezember zieht auch hier die Weihnachtsdeko ein – den Gesichtsausdruck des Santa Claus bekommen wir schon mal ganz gut hin. 

Laguna de Salinas

Die Laguna de Salinas ist See auf 4300 Metern Höhe, der jedes Jahr austrocknet und eine große Salzfläche hinterlässt. Es soll dort Alpakas, Vikunjas und Flamingos geben.

Wir schauen nach organisierten Touren, doch die sind uns zu teuer. Der öffentliche Bus fährt sehr selten und unvorhersehbar, und so mieten wir uns stattdessen ein Auto. Die Straße ist wie gemacht für unseren kleinen SUV, und die karge Landschaft zwischen Arequipa und der Lagune würde sich gut in einer Autowerbung machen. Zwischen dem Vulkan Misti und der benachbarten Bergkette geht es in zweieinhalb Stunden auf unbefestigter, kurviger und staubiger Straße 2000 Meter hinauf.

Bei der Lagune angekommen begegnet uns gleich die erste Herde Alpakas (oder Llamas, so sicher sind wir uns da nie), die um einen verlassenen Bagger am Ufer grasen. Sie nehmen von uns Notiz, stören sich aber nicht an unserer Gegenwart. Sie hören einfach nicht auf, lustig auszusehen.

Wir fahren weiter, vorbei an einem abgesperrten Gebiet zum Salzabbau durch ein kleines Dorf. Wir wenden, parken das Auto und machen eine kleine Wanderung über den ausgetrockneten See. Wir begegnen noch mehr Llamas (oder Alpakas). In der Ferne sehen wir auch Vikunjas, doch die sind recht scheu. Für die Flamingos ist leider die falsche Saison – die benötigen Wasser zum Rumstacksen.

Den Bildern der Agenturen in der Fußgängerzone Arequipas ist zu entnehmen, dass man vor oder auf den großen Attraktionen in die Luft springen und sich dabei Fotografieren lassen sollte, also probieren wir das auch.

Es gibt allgemein wenige Menschen, und die, die es gibt, fahren auf alten Mopeds und sind sehr gut eingepackt. Es ist sehr still, bis auf den Wind und das Knistern des Salzes unter den Schuhen und ab und zu einem Moped.

Auf dem Rückweg auf halber Strecke halten wir in einem weiteren Dorf und kehren ein. Im Restaurant wirbt ein Plakat für einen bereits vergangenen Stierkampf.  

Angekommen in Arequipa ist das Büro unseres Autovermieters geschlossen. Es gab ein Missverständnis – sie kommen nur zur vereinbarten Zeit, davor ist niemand da. Wir parken in der Nähe und warten zwei Stunden auf die Mitarbeiter des Verleihers auf dem Plaza del Armas, wo wir aus Versehen einer weiteren Prozession einer anderen Maria beiwohnen.

Entgegen unserer Befürchtung ist der Dreck am Auto kein Problem, sondern sorgt nur für Belustigung.