Villa Abecia

Und wieder steht ein Workshop an. Dieses mal 2,5 Tage mit dem RED de las Mujeres  Trabajadoras y Sindicalistas – den Arbeiterinnen und Gewerkschafterinnen. Die Gruppe ist bunt durchmischt, aus ganz unterschiedlichen Branchen und Altersgruppen sind Frauen aus ganz Bolivien dabei. 

Der Workshop findet in einem kleinen Hotel mit angeschlossener Bodega statt, schließlich sind wir in Villa Abecia, einem kleinen Dorf zwei Stunden nordwestlich von Tarija – bestes Weinanbaugebiet also. 

Die Landschaft ist unglaublich schön und zeigt sich auf der Autofahrt von Tarija ins Dorf sehr abwechslungsreich. Neben den konzentrierten Arbeitsphasen ist aber auch für ein ansprechendes Freizeitprogramm gesorgt. Wir besuchen den nahegelegenen Fluss und den Markt im Dorf. Am ersten Abend werde ich dann von der „Noche de Talentos“ – der Talentnacht überrascht. Alle Frauen haben einen Gesangs- und/oder Tanzbeiträge vorbereitet, viele tragen Karnevalskostüme.

Am zweiten Abend gibt uns Manuel, der Betreiber der Bodega mehrerer Flaschen seines Singani (Traubenschnaps) aus, die pflichtbewusst geleert werden, bevor die Frauen die Tanzfläche auf dem Plaza stürmen. Villa Abecia feiert nämlich Jubiläum, mit Livemusik und allem drum und dran. Man kann wertfrei sagen, dass die Anzahl an Personen auf der Tanzfläche um geschätzte 700% steigt, als unsere Gruppe ankommt. 

Die Tage mit den Frauen beeindrucken mich sehr, allesamt starke Persönlichkeiten mit Geschichte. Die herzliche Integration in die Gruppe rührt besonders. Ich hoffe, dass sie mit ihren Forderungen gehört werden, denn in dem Bereich der Gleichberechtigung von Frauen im Arbeitsleben hat Bolivien noch einen weiten Weg zu gehen.  

Zebras

Das erste mal gesehen habe ich sie bei John Oliver. Und ich war ähnlich begeistert, wie er. Es geht um die Zebras, die in La Paz eingesetzt werden, um den Verkehr zu regeln. Also genau genommen um Personen, die Zebrakostüme tragen und insbesondere zu Schulzeit an viel befahrenen Straßen den jüngsten Verkehrsteilnehmern über die Straße helfen und die Autofahrer zu mehr Disziplin erziehen. 

Dabei sind sie immer äußerst fröhlich und unterhalten alle Wartenden gut. Mehr als einmal hat mir ein Zebra zugewunken und mir enthusiastisch einen schönen Tag gewünscht. Und ja: jede Kreuzung wird besser mit Zebras. Mich erfreuen sie jedes Mal und nicht selten bleibe ich ein wenig länger stehen, um sie bei ihrer Arbeit zu beobachten.

Trinidad

Da Karneval und daher Feiertag ist, habe ich mich entschlossen, für die vier freien Tage nach Trinidad im Nordosten des Landes zu reisen. Trinidad liegt im tropischen Regenwald, im Amazonasbecken und lockt mit angenehmen 31 Grad und 95% Luftfeuchtigkeit. 

Da es zur Regenzeit nur mit dem Flugzeug zu erreichen ist, fliege ich in kurzen 50 Minuten von La Paz aus rüber. Während der Trockenzeit würde man für diese Strecke ca. 16h+ mit dem Bus benötigen. In Trinidad angekommen, treffe ich am Flughafen gleich ein Capybara, ein mit dem Meerschweinchen verwandtes, aber sehr viel größeres Wasserschwein, welches auf dem Grünstreifen neben der Straße grast.

Trinidad selbst ist nicht groß, am bemerkenswertesten ist der grüne Plaza Mayor, mit beeindruckend hohen Bäumen und die offene Architektur. Viele Häuser haben zum Gehweg einen überdachten Teil, der vor der heißen Sonne und den regelmäßigen, kräftigen Regenschauern schützt. 

Für den nächsten Tag habe ich mich für eine Bootstour angemeldet, es ist so schön, dass ich spontan auch noch die Nacht auf dem Schiff bleibe und erst am nächsten Morgen zurück nach Trinidad fahre. Die Reina de Eninerinnert ein wenig an einen Mississippi Dampfer. Ich lerne Diana und Brad kennen, ein nettes älteres Paar aus Canada. Alle anderen Gäste sind aus Bolivien, Cuba oder Spanien und ebenfalls sehr aufgeschlossen. Chao, der Guide auf dem Schiff kennt die Gegend sehr gut und gesellt sich in seiner freien Zeit häufig zu mir – hervorragend, nicht nur, weil er am vorbeiziehenden Flussufer blitzschnell Tiere entdeckt, die ich womöglich übersehen hätte. Ganz kurz lassen sich sogar einige der rosafarbenden Flussdelfine sehen, aber sie sind zu schnell, um ein gutes Foto zu machen. 

Am nächsten Tag fahre ich früh wieder nach Trinidad und verbringe den Tag mit Streifzügen durch die Stadt und ausgiebigen Pausen auf schattigen Bänken. Mittag esse ich in dem altehrwürdigen Club Social am Plaza. Mir bleiben noch zwei Tage in der Stadt und ich habe schon jetzt das Gefühl, mich recht gut auszukennen. Also nehme ich Kontakt zu Efrem auf, er wohnt in der Nähe und leitet ein sogenanntes „Wildlife-Center“. 

Am nächsten Morgen geht es mit dem Mototaxi (Motorrad) zum Hafen in der Nähe. Das Motorrad ist in Trinidad das bevorzugte Bewegungsmittel. Ganze Familien passen auf ein Motorrad, die besseren sind mit einem großen Schirm ausgestattet. Einen Helm habe ich die ganzen Tage nur einmal im Schaufenster eines Motorradladens gesehen. Während der halbstündigen Fahrt zum Hafen überrascht mich leider ein kräftiger Regenschauer, so dass ich vollkommen durchnässt bin, als ich Efrem an seinem Boot treffe. Damit geht es weiter zu der Farm, wo ich glücklicherweise trockene Sachen von ihm bekomme. Den Rest des Tages verbringe ich in schick gemusterter 70iger Jahre Hose und neongrünem Shirt.  

Zuallererst drehen wir eine Runde über das Gelände und durch den angrenzenden Dschungel, so die Regenstiefel hoch genug für die überschwemmten Gebiete sind. Efrem erzählt mir viel über die Pflanzen und ihre Einsatzgebiete, wir essen frische Kakaofrucht und versuchen uns irgendwie gegen die zahlreichen Mücken zu wehren. Danach zeigt er mir das kleine Museum, welches er mit seinem Vater über die Jahre aufgebaut hat. Die Farm liegt auf einem Hügel – eine große Seltenheit, denn dies ist gewöhnlicher Weise eine sehr flache Gegend. Erst vor einiger Zeit ist man zu dem Schluss gekommen, dass die Hügel, die hier und im Umland sind, vor Jahrhunderten von Menschen angelegt wurden. Eine Zivilisation, die weit verbreitet war und ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem hatte und das Amazonasbecken viel dichter bevölkert hatte, als man bislang dachte. Zugrunde gegangen ist die „Moxos“-Kultur dann vermutlich durch eine längere Dürreperiode einige Zeit bevor die Spanier die Gebiete als Kolonie eroberten. Das es hier keine Steine gibt und alle Häuser etc. demzufolge aus pflanzlichen Materialien gebaut waren, sind heute nur noch die Keramiküberreste der Moxos zu finden. 

Am Nachmittag fahren wir mit einem flachen Boot tiefer in den Wald und die überfluteten Gebiete, beobachten Faultiere und Affen und angeln in der Lagune erfolgreich einen Piranha und einen Katzenfisch, beides gibt es später zum Abendessen. Als es nach dem Essen dunkel ist, fahren wir noch einmal raus, um Caimane zu sehen. Diese findet man am einfachsten mit einer Taschenlampe, denn die Augen reflektieren gut und verraten ihr Versteck im Wasser, dann fahren wir mit dem Boot langsam heran und Efrem greift sehr gezielt zu. Und schon hat man ein ca. 2-3 monatigen rund 70 cm großen Caiman im Boot. Efrem erklärt mir genau, was die Besonderheiten dieser Tiere sind, zeigt, wie man die Geschlechter unterscheidet und dann habe ich die Ehre, das Tier wieder ins Wasser zu lassen. Das Spiel wiederholen wir insgesamt dreimal, bevor Efrem mich mit Boot und Motorrad wieder zurück nach Trinidad bringt. 

Am nächsten Tag geht mein Rückflug erst am Nachmittag. Den Vormittag verbringe ich damit, die „Karnevalsfeierlichkeiten“ um den Platz zu beobachten. Den großen Umzug habe ich zwar leider verpasst, aber dafür kann ich jetzt die Kinder und Jugendlichen beobachten, wie sie sich Wasserschlachten liefern und ihre Munition am Brunnen auf dem Platz nachfüllen. Eigentlich ist das Werfen von Wasserbomben zu Karneval seit einiger Zeit verboten, aber bei 30 Grad Außentemperatur ist das auch wirklich nichts, was hier irgendjemanden aufregen würde.