Surfen

Seit langem schon wollte ich Surfen lernen. Also, Wellenreiten, nicht Windsurfen. Da das in Deutschland kaum möglich ist und es sich bislang auch während keinem meiner bisherigen Urlaube ergeben hat, ist jetzt quasi meine große Stunde. Man kann einfach nicht direkt am Karibischen Meer wohnen und das nicht ausnutzen. Also recherchiere ich eine Surfschule – nicht allzu schwer, denn es scheint in Cartagena nur eine zu geben – und vereinbare eine Probestunde. Es ist Timurs vorletzter Tag in der Stadt und so kann er gleich noch mitkommen. 

Pablo, der Betreiber der Surfschule ist super nett und sehr unkompliziert. Man hat während der Unterrichtszeit immer einen persönlichen Lehrer und der Erfolg spricht für sich. Wir sind überrascht, wie schnell es uns dann doch gelingt, uns auf dem Brett aufzurichten und im Idealfall stehen zu bleiben. Nach den zwei Stunden im Wasser sind wir ordentlich geschafft und lassen uns von Pablo ein kleines Restaurant in der Nähe empfehlen. Besonders unser Durst ist riesig, scheinbar haben wir doch ab und an etwas Meerwasser geschluckt. 

Von den ersten Erfolgen angetan, gehe ich in den kommenden Wochen immer wieder zum Strand und nehme Unterricht. Die Wellen sind mal kleiner und mal größer. Später kann ich auch einige meiner deutschen Kolleginnen dafür begeistern. Der frühe Erfolg beim Surfen erklärt sich damit, dass die Lehrer am Anfang das Brett gut festhalten und im entscheidenden Moment, wenn die Welle kommt, kräftig anstoßen. Aber in den letzten Wochen komme ich immer mehr dazu, mir meine Wellen selbst auszusuchen und durch kräftiges paddeln und schnelles aufstehen, surfe ich dann tatsächlich auch mal die ein oder andere Welle. 

Old Town vs. Barrio

Cartagena, eine Stadt mit etwas mehr als einer Million Einwohnern, ist äußerst divers. Das merke ich jeden Tag, wenn ich aus meinem Viertel ins Büro der Casa Cultural Colombo Alemana laufe, welches mitten im historischen Zentrum liegt. Die Lage ist für so ein Kulturzentrum zweifelsohne sehr vorteilhaft, die Deutsch-Schüler und die Besucherinnen der Veranstaltungen können das Gebäude gut erreichen, zudem gilt das Zentrum (innerhalb der alten Stadtmauern) als recht sichere Gegend. 

Auch wenn ich – besonders in den ersten Tagen – sehr angetan von der Schönheit des Viertels bin und mit Ausdauer durch die kleinen Straßen mit den bunten Häusern schlendere, so sehr fällt doch auch auf, dass hier eine Fassade für die (größtenteils) internationalen Touristen aufgebaut wurde. Ursprüngliches findet man im Zentrum immer weniger und man gewöhnt sich schnell daran, ständig von Kellnern und Straßenverkäufern, die einem Zigarren, Schmuck oder sonstiges verkaufen wollen, angesprochen zu werden. Auffällig sind zudem die vielen Familien aus Venezuela, die auf den Straßen des Zentrums um Kleingeld bitten. 

In den meisten Häusern befinden sich nun Restaurants, hochklassige Hotels oder Souvenirläden. Eine kleine Fotostrecke des sehr gut erhaltenen Zentrums, welches auch zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört: 

In Getsemani, einem Viertel direkt neben dem Zentrum geht es ähnlich bunt zu, nur sind hier mehr Bars, Hostels und Graffitis zu sehen:

Den Kontrast dazu bilden die beiden Viertel Torices und Nariño, in denen ich jeweils einige Wochen wohnte. Torices ist nicht sonderlich aufregend, Nariño dagegen schließe ich direkt bei meinem ersten Besuch ins Herz. Hier ist immer Leben auf der Straße, vor jedem Haus sitzt jemand auf der Terrasse und beobachtet das Treiben auf der Straße. Zum Wochenende werden dann die Picos – sehr große Musikboxen – hervorgeholt und man liefert sich kleine Kämpfe der Lautstärke, so das einem mindestens immer 2-3 unterschiedliche Songs begleiten. Auf den Straßen finden sich insbesondere abends kleine Stände, an denen man Fast Food kaufen kann, zudem gibt es einige Kioske. 

Das Viertel liegt ein wenig am Hang des Berges, auf dem auch das alte Kloster steht, so dass ich von meiner Dachterrasse einen tollen Blick über Viertel bis hinunter zum Meer habe. Ich wohne hier bei einer kleinen kolumbianisch-deutschen Familie, wobei der deutsche Teil die meiste Zeit mit seinem Segelboot unterwegs ist. Aber das Haus ist schön, der Innenhof sehr grün (Mango- und Bananenbäume, nachts Flughunde) und die Dachterrasse das absolute Highlight. Die Kinder spielen auf der Straße und schnell werde ich von einigen Bewohnern regelmäßig begrüßt. Eine ältere Frau ruft mich zu sich heran, um mir zu erzählen, dass sie mich seit einigen Tagen regelmäßig sieht, sogar schon von mir geträumt hat und mir alles gute wünscht. Der Nachbarsjunge nimmt mich auf dem Motorrad mitten, als er mich ca. 500m vom Haus entfernt entdeckt. Äußerst praktisch, insbesondere, weil der Weg am Ende noch einmal steil bergauf führt.  Einziger Nachteil ist, dass ich quasi jedes Mal, wenn ich am späten Abend oder Nachts ein Taxi nach Hause nehme, mit den Taxifahrern diskutieren muss, weil ihnen das Viertel zu gefährlich ist. 

Ich freunde mich etwas mit Jordan an, einer der Nachbarsjungen, der seit seiner Geburt in dem Viertel wohnt. Er möchte zukünftige Touren für Touristen durch das Viertel anbieten und lernt deswegen sogar ein wenig Englisch. Ich biete ihm an, mit ihm einige Fotos zu machen, die er für Werbezwecke nutzen kann. So ziehe ich mit ihm zweimal durchs Viertel. Ca. 15 Minuten bergauf hat man einen großartigen Blick auf die Stadt und die „Straßen“ sind nur noch zu Fuß und manchmal auch noch mit dem Motorrad zu bewältigen. Eine Wasserversorgung gibt es hier oben nicht mehr, dafür eine Stelle, die Wasserkanister abfüllt, die dann von Eseln bergauf getragen werden. Jeden Tag. Jordan zeigt mir begeistert das Fußballfeld des Viertels und grüßt bei unserem Spaziergang immer gleichmäßig nach links und rechts. Häufig muss er anhalten und erklären, warum er eine „Gringa“, eine Weiße, im Schlepptau hat. Ich bin von der Tour so begeistert, dass ich Jordan an zwei meiner Kolleginnen vermittle. Sie wollen die Tour an dem Tag machen, an dem ich zurück fliege – später erfahre ich, dass sie von der Polizei gestoppt und aus dem Viertel eskortiert wurden, dies wäre kein Ort für Touristen. 

Ich kann nur festhalten, dass ich das Viertel und seine Bewohner sehr ins Herz geschlossen habe und mich zu keiner Zeit unsicher oder gar bedroht gefüllt habe. Im Gegenteil, ich war sehr froh, einen so schönen Kontrast zu dem museumsartigen Zentrum zu haben.