Coveñas

Es geht an die Küste – endlich! Nach einer eher ungemütlichen Nachtfahrt kommen wir am nächsten Morgen an. Wir sind in einem kleinen Hostal am Strand, zwischen Coveñas und Tolú. Die Kommunikation mit dem Busfahrer klappt leider nicht ganz so gut, weswegen wir später aussteigen, als geplant, was uns direkt einen Strandspaziergang mit all unserem Gepäck beschert. Um nicht einmal 10 Uhr morgens ist es allerdings schon so warm, dass wir das nur bedingt genießen können. 

Den Strand hat man hier fast für sich alleine, auch wenn um uns herum nur kleine Hotels sind, sieht man kaum Leute. Ab und zu patrouillieren Soldaten am Strand oder es kommt jemand vorbei, der Hüte, Sonnenbrillen, Obst oder ähnliches verkaufen möchte. Wir verbringen viel Zeit im Wasser, in den Hängematten im Schatten und lassen es ganz gemütlich angehen.

Am zweiten Tag machen wir in der nahegelegenen Lagune eine kleine Bootsfahrt durch die Mangrovenwälder, die mit den stelzbeinigen Bäumen und den vielen Krebsen, die dort emporklettern, wirklich verwunschen aussieht. Nach einem kleinen Stop in einem Shelter in dem es Schildkröten und Krokodile zu sehen gibt, ist die Tour auch schon wieder vorbei. Am letzten Abend entdecken wir dann auch noch die Cocktailstände, die am Strand ca. 15 Minuten Spaziergang von unserem Hostal entfernt liegen. 

Medellín

Endlich angekommen, begrüßt uns Medellín mit einem Gottesdienst im Busbahnhof und einem kräftigen Regenschauer. Als dieser etwas nachlässt suchen wir uns noch ein Restaurant, in dem es Bandeja Paisa gibt, das traditionelle Essen des kolumbianischen Inlandes. Es besteht aus Reis, Bohnen, frittierter Kochbanane, Avocado und diversen Sorten Fleisch, meist Hack, Chorizo und Schweinebauch sowie einem Spiegelei. Am nächsten Tag erkunden wir den botanischen Garten der leider nicht ganz so beeindruckend ist und erkunden verschiedene Plätze im Zentrum. Außerdem besuchen wir das wirklich bemerkenswerte Casa de la Memoria, welches an den bewaffneten Konflikt Kolumbiens erinnert, der erst seit 2016 mit dem Friedensvertrag zwischen FARC und Regierung abgeklungen ist. Dennoch ist dieses Thema in Kolumbien sehr präsent und da viele Hintergründe noch immer ungeklärt sind und keine der Gruppen für sich in Anspruch nehmen kann, frei von Schuld zu sein, zieht sich auch das Casa de la Memoria auf die sichere Seite zurück und erzählt hauptsächlich Geschichten von Einzelpersonen. Es fällt uns schwer, die Tragweite des Konfliktes zu begreifen. Noch 2015 war Kolumbien nach Syrien das Land mit den meisten Binnenflüchtlingen weltweit. 

Am Tag darauf machen wir eine Graffiti Tour in der Comune 13, einem Barrio in Medellín welches eine traurige Geschichte hat und in den vergangenen Jahren durch gezielte Stadtentwicklung etwas ruhiger und mit den zahlreichen Graffitis mittlerweile sogar zu einer Touristenattraktion geworden ist. Bei der Entwicklung des Viertels war entscheidend, dass eng mit der Community vor Ort zusammengarbeitet wurde, die Bedürfnisse erfragt wurden und in einem Beteiligungsverfahren eine Art Gemeindezentrum entwickelt wurde. Außerdem gibt es verschiedene Rolltreppen, die den Zugang zu den höher gelegenen Straßen erleichtern. Den Rest des Tages verbringen wir durch die Stadt mäandernd. Am Abend gibt es dann hervorragende Pizza, die so gut ist, dass wir dem Restaurant am darauffolgendem Abend gleich noch einmal einen Besuch abstatten. 

Am letzten Tag in Medellín fahren wir mit der Seilbahn hoch zu einem nahegelegenen Park, in dem wir eigentlich etwas Wandern wollen. Was wir jedoch nicht wussten – die meisten Wege sind geschlossen und dürfen ausschließlich mit einem Guide besucht werden. Das erscheint uns dann aber auch nicht so reizvoll, so erkunden wir – soweit möglich – den Park auf eigene Faust. Abends geht es dann mit dem Nachtbus hoch zur Küste, nach Coveñas, wo wir noch einige Nächte haben, bevor es dann schlussendlich nach Cartagena geht.      

Salento

Nach einer langen Busfahrt kommen wir in Armenia an, von wo aus wir noch einmal einen Van nach Salento nehmen müssen. Es ist kurz vor Ostern und damit auch Hauptreisezeit in Kolumbien. Als wir im Dunkeln in Salento ankommen, sind die Straßen und der Hauptplatz voller Menschen. Wir haben jedoch eine Unterkunft etwas außerhalb, weswegen wir uns erst einmal in Taxi organisieren müssen. Und nun kommt der eigentlich herausforderndste Teil der Reise: an der Pforte zu unserer Unterkunft angekommen müssen wir über einen kleinen Trampelpfad mit Kopflampe und Handylicht und all unserem Gepäck noch ca. 20 Minuten bergab durch den Wald. 

Endlich bei der Ecolodge von Carlos angekommen, beziehen wir unseren kleine geodätische Kuppel, in dem wir die kommenden 3 Nächte verbringen werden. Carlos hat den Ausbau vor einigen Jahren begonnen und plant für die kommenden Jahr noch großes – dabei achtet er aber streng auf natürlich Baumaterialien und forstete den Wald rund um die kleinen Häuser auf, Strom wird natürlich gewonnen (aus dem normalen Stromnetz – in Kolumbien zu 80% Wasserkraft) und das Wasser wieder aufbereitet.

Wir verabreden und mit Carlos für den nächsten Morgen für eine Tour über sein großes Grundstück, bei dem er uns viel über die Pflanzen und die Prinzipien der Wiederaufforstung erzählt. Danach wandern wir nach Salento, ein schöner Weg, der den Blick auf die grünen Hügel der Umgebung frei gibt. Dort gibt es Mittag und anschließend schlittern wir einen ultimativ matschigen Weg bergab, um uns auf die Suche nach Waserfällen zu machen, die Carlos uns beschrieben hatte. Die Wasserfälle finden wir zwar nicht, aber es ist trotzdem sehr schön und nur die aufziehenden tiefdunklen Regenwolken bewegen uns dazu, umzukehren und wieder den Heimweg anzutreten. 

Am nächsten Tag fahren wir zwei oder drei Täler weiter ins Valle del Cocora, um dort die Wachspalmen zu bestaunen, die auch Nationalbaum Kolumbiens sind. Das Tal sieht bizarr aus – auf den Wiesen weiden Rinder, weiter oben am Hang finden sich dann die Wachspalmen und teilweise auch noch sehr lichter Wald. Die Geschichte dazu ist eigentlich eine traurige, denn früher war das Tal gänzlich bewaldet. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts wurde ein Großteil des Waldes abgeholzt, nur mit dem Holz der Wachspalmen, die bis zu 60 Meter hoch werden, konnte man nichts anfangen, weswegen man sie stehen ließ. Wenn diese sterben, werden keine nachwachsen – sie brauchen den Dschungel. Der Weg ist schmal und eingezäunt und es gibt viele Wanderer, was das Gehen etwas unbequem macht. Ohne zu wissen, was genau das eigentlich ist, beschließen wir zu einem ausgeschilderten Ort bergauf zu wandern, alle anderen Wege sind aufgrund der Regenzeit geschlossen und so auch der Rundweg, den wir eigentlich geplant hatten. Der Weg führt etwa 6-7 mal über einen Fluss und geht dann gut bergauf. Oben angekommen beobachten wir die vielen Kolibris, für die extra Tränken aufgehängt wurden. Nach einem Heißgetränk (ja, es ist wirklich etwas frisch), geht es wieder runter und zurück in den Ort. 

Carlos reserviert uns Plätze für den Bus nach Medellín, unsere nächste Station. Leider haben wir zwischendurch eine Panne und müssen an einer Raststätte einige Stunden warten, bis uns ein anderer Bus mitnehmen kann.

Bogotá

Mitte April geht es nach Bogotá – die Zeit in Bolivien ist zu Ende – die letzten Monate in Kolumbien beginnen. Bevor es zum Arbeiten nach Cartagena geht, bleiben noch zwei Wochen zum Reisen. 

Ich fliege von La Paz über Lima nach Bogotá, Timur kommt aus Berlin. Ankunft in Bogotá ist für die Verhältnisse der Anreise quasi fast zeitgleich – 3 Stunden zeitversetzt. 

Wir lassen Bogotá langsam angehen, trinken in fancy Cafés leckeren Kaffee, zeigen uns von der Architektur beeindruckt, gehen gut essen, erklimmen den Berg Monserrate und lassen uns im Goldmuseum von der riesigen Ausstellung erschlagen. Im Boteromuseum lassen wir uns von Botero erschlagen – Kolumbiens bekanntester Maler und Bildhauer mit enormen Output an dicklichen Menschen, Tieren und Objekten.

Auf dem Monserrate steht oben eine Kirche, weswegen der Weg hoch eine beliebte Pilgerstrecke ist. Oben kann man den mit Statuen nachgestellten Leidensweg Jesu besichtigen, eine beliebte Fotokulisse um davor grinsend Familienfotos zu machen. 

Nach zweieinhalb Tagen geht es schon weiter nach Saltero, ins Kaffeetal Kolumbiens. 

Teleférico

Die Teleférico. Mein neues Lieblingstransportmittel. Auch wenn es nicht die schnellste Variante ist, fahre ich fast jeden Tag damit ins Büro. Und zurück. Einfach weil ich kann. 

Das Telefériconetz besteht aktuell aus 10 Linien, eine davon eröffnete in einer meiner letzten Wochen in der Stadt und nun ist es möglich mittels Teleférico eine große Runde über die Stadt zu drehen. Ein besseres Sightseeing Programm gibt es kaum. In den Genuss kommen auch Kristin, Marleen und Gesa, die mich besuchen kamen. 

Die erste Linie wurde erst 2014 eröffnet, mittlerweile ist es mit über 30 km Gesamtstrecke das größte städtische Seilbahnnetz weltweit. Man muss dazu fairerweise sagen, dass die Geografie der Stadt ein Seilbahnnetz gerade zu aufdrängt. Zwischen El Alto und der Zona Sur, den südlichen Stadtteilen La Pazs, liegen fast 1000 Höhenmeter. Geplant und gebaut wurde die Seilbahn übrigens von einem österreichischem Unternehmen, wie sollte es anders sein. 

Teleférico Plateada in El Alto
Teleférico Plateada in El Alto, an der Grenze zu La Paz
Teleférico Amarillo von El Alto runter nach La Paz
Teleférico Amarillo hoch, Richtung El Alto
Teleférico Azul über einen kleinen Teil des Marktes in El Alto

Tiwanaku

An einem Samstag mache ich mit Nadine (meine Nachfolgerin bei der FES), Isabel und ihrem Mann auf nach Tiwanaku, ca. 15km vor dem Titicacasee. Isabel habe ich bei dem Workshop der Gewerkschafterinnen in Tarija kennengelernt und wir haben uns damals auch über Tiwanaku unterhalten. Da ihr Mann sich dort sehr gut auskennt, hatte sie angeboten, dort gemeinsam hin zu fahren. Isabel und Don fahren in einem großen blauem Pick-up vor und es geht erst einmal durch den La Pazer Stadtverkehr und hoch nach El Alto über das Altiplano. Ca. 1,5 Stunden später sind wir da. 

Tiwanaku ist eine Ausgrabungsstätte, die zu einem großen Teil noch nicht erforscht ist, nur rund 5% sind bislang überhaupt ausgegraben und untersucht. Dabei ist die Tiwanaku-Kultur um einiges älter und von längerer Dauer, als beispielsweise die Inka. Erst seit 2000 gehört der Ort auch zum UNESCO Weltkulturerbe. 

Man nimmt an, das Tiwanaku das religiöse und administrative Zentrum von ca. 1500 v. Chr. bis ca. 1200 nach Chr. war, mit einem Höhepunkt zwischen 600-900 n. Chr.. Warum die Kultur dann verschwand, weiß man nicht genau. Sicher ist jedoch, dass sie durchaus hoch entwickelt waren, es gibt verschiedene Tempelanlagen und die Art und Weise, wie die Mauern gebaut wurden, lassen darauf schließen.

Alte Relikte, die sich finden lassen, wie beispielsweise Schmuck und Keramik Gegenstände, weisen zudem darauf hin, dass die Kultur auch schon zu dieser frühen Zeit einen regen Austausch mit anderen Teilen des Landes gehabt haben muss, so finden sich bspw. Darstellungen tropischer Tiere auf zeremoniellen Krügen. 

Die Spanier nutzen das seinerzeit bereits verlassene Tiwanaku hauptsächlich als Steinbruch und errichtete in der Nähe und sogar Sucre Kirchen aus den Steinen, die sie in Tiwanaku fanden. Auf vielen der Statuen in Tiwanaku finden sich dann auch Kreuze, eingeritzt von den Spaniern, um den Ort zu „christianisieren“. 

Ein sehr schöner Tag und Isabel und Don freuen sich sichtbar, ihr Wissen mit uns teilen zu können. Am Ende sind wir uns einig: Der Hype um die Inkas liegt hauptsächlich an dem guten Marketing und Macchu Picchu.   

Bolivien und das Meer

Ja. Bolivien und das Meer. Jetzt mag man sich fragen. „Welches Meer?“. Genau das ist das Problem, denn Bolivien leidet sehr unter dem fehlenden Meereszugang. Ich hatte von der Thematik gehört, aber ich hatte unterschätz, was für ein großes Thema das in Bolivien und für Bolivianer ist. Ein Vorgeschmack gab ein Kinderbuch im bolivianischen Konsulat in Berlin, herausgegeben von dem Ministerium für Kommunikation, Auszüge hier: 

Da Drama eskalierte mit dem Salpeterkrieg zwischen Peru, Bolivien und Chile 1879 bis 1884. Bis dato hatte Bolivien Meereszugang und verfügte über eine Küste von ca. 400 km. Es begann damit, dass Bolivien eine neue Steuer auf chilenische Salpeterunternehmen einführte und damit gegen die bis dahin geltenden Verträge verstieß. Bolivien lehnte ein internationales Schiedsgericht ab und das Ganze schaukelte sich hoch: Chile besetze bolivianisches Gebiet, welches mehrheitlich von Chilenen besiedelt war. 

Eine Erzählweise besagt, dass Bolivien – zu der Zeit ohnehin militärisch schwach  – von der Invasion überrascht wurde, Chile nie offiziell den Krieg erklärte und zudem noch Karneval war, wo man ja nun wirklich von niemandem erwarten könne, sein Land zu verteidigen. 

Evo Morales hat auf internationaler Bühne in den vergangenen Jahren immer wieder auf das damals geschehene Unrecht hingewiesen und darum geworben, dass Chile zu Verhandlungen darüber verpflichtet werde. Ein Urteil des höchsten internationalen Gerichts in Den Haag aus dem vergangenen Jahr lehnt dies jedoch ab. Damit scheint die bolivianische Hoffnung zunächst zerschlagen, auch wenn die Niederlage niemand so recht eingestehen mag. 

So ist Bolivien auch das einzige Land weltweit, welches über eine Navy verfügt und keinen Meereszugang hat. Die Marine übt daher der einfachheithalber auf dem Titikakasee. 

Überall im Land sieht man dennoch Plakate die für einen bolivianischen Meereszugang werben, sogar Teleférico-Gondeln sind so gestaltet und es gibt natürlich einen nationalen Feiertag, den „Dia del Mar“, bei dem schon die Kleinsten in Papmaché-Booten durch die Straßen ziehen. Außerdem sind verschiedene Orte, Plätze, Schulen etc. in Andenken an den damaligen Meereszugang benannt. 

Ein wenig scheint das Motto zu sein „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, auch wenn niemand aktuell die Frage beantworten kann, wie das ganze doch noch zu einem guten Ende kommen soll. Zudem Chile – über welches ein Großteil des bolivianischen Im- und Exports läuft, daran auch gut verdient. Aktuell werden erste Kollaborationen mit peruanischen Häfen geprobt, aber auch das wird nicht zu einem bolivianischen Hafen führen, höchstens zu Steuererleichterungen.