Selva I

Nachdem die Wettervorhersage in Huaraz weiteres Wandern wenig attraktiv erscheinen lässt, entschließen wir uns, Weihnachten im Selva (Regenwald) zu verbringen. Dafür wollen wir in den MANU Nationalpark, welcher östlich von Cusco liegt und zu den größten und diversesten Nationalparks im gesamten Amazonasgebiet gehört. 

Dafür geht es auf dem Landweg von Huaraz nach Cusco, mit kurzem Zwischenstop (11 Stunden) in Lima. Nach zwei Nächten im Bus sind wir froh, als wir endlich am frühen Nachmittag in Cusco ankommen und in einem kleinen Hotel einchecken. Am nächsten Morgen treffen wir uns dort mit Darwin, der uns die nächsten Tage begleiten wird. 

An dieser Stelle muss man einige Worte zu Darwin verlieren, denn er ist wirklich ein Original. Seine Vorfahren sind aus Frankreich und Italien während des Kautschuk-Booms nach Peru gekommen. Zusammen mit seinen 5 Brüdern und seinem Vater ist er auf einer kleinen Farm mitten im Regenwald aufgewachsen, einige Jahre davon hat er in einer Missionsschule in einem Dorf der Harambut verbracht und seinen Vater nur selten gesehen. Er ist studierter Biologe und lebt mit seiner Familie teils im Selva, teils in Cusco. Mit Exkursionen für Journalisten und TV-Teams (BBC, National Geographic aber auch Shows ähnlich dem Dschungel Camp) sowie Touristen verdient er sein Geld; wenn seine Pläne aufgehen, wird er in den nächsten Jahren eine größere Unterkunft im Selva errichten (er hat schon das Grundstück) oder Bürgermeister von Salvación sein. Oder aber eine weitere verloren geglaubte Stadt im Dschungel gefunden haben. Hobbyarchäologe ist er nämlich auch: regelmäßig lässt er sich mit gutbetuchten Chilenen mit einem Hubschrauber im Dschungel absetzen, um sie zu finden. Das eine oder andere Artefakt vorheriger Exkursionen konnte er auch präsentieren.

Mit seiner tief ins Gesicht gezogenen Käppi, seiner Sonnenbrille und seinem oft etwas rauem Ton wird er uns in den nächsten Tagen in die großen und kleinen Geheimnisse des Regenwalds einführen, viel über Pflanzen- und Tierwelt erklären und stets mit sehr gutem Essen versorgen. 

Erst einmal müssen wir aber von Cusco in diesen sagenumwobenen Selva kommen. Früh morgens holt uns Darwin mit seinem Fahrer Jimmy ab, wir sammeln noch Omar ein, der auch in Salvación wohnt und gerade von der Uni kommt und fahren los. 

Nach ein paar Stunden stoppen wir in Ninamarca, eine archäologische Stätte mit per-Inka-Gräbern. Es ist nicht ganz klar, zu welcher Kultur sie gehören, aber sie waren wohl nomadisch – es gibt keine Stadt oder Zeichen von Landwirtschaft drumrum.

Weiter geht es durch die Berge, in dem Dorf Paucartambo gibt es einen Zwischenstopp für ein zweites Frühstück. Wir besuchen ein kleines ethnografisches Museum, in dem uns Darwin schon mal einiges erklärt. Einerseits über die Indigenen der Region, andererseits über ein jährlich stattfindendes Festival für Unsere Liebe Frau auf dem Berge Karmel: dazu gibt es bunte Masken von allen möglichen Stereotypen von Berufsständen oder auch Sklaven (die weinen immer…).

Nach Paucartambo werden die Straßen schlechter und wir fahren bergauf durch die Wolken. Auf dem Bergpass kündigt ein großes Schild den Beginn des Nationalparks an, jetzt sind wir also Nebelwald, der seinem Namen alle Ehre macht. Wir bekommen erste Kostproben von Darwins Führertalent – er entdeckt Pumascheiße.

Die Straße ist unbefestigt und größtenteils einspurig, es ist die einzige Straße, die in den Nationalpark führt. Es geht entlang an steilen Berghängen, die mit dichter Vegetation überwuchert sind. Ab und an muss ein Fluss durchquert werden, nicht selten erspäht Jimmy einen Vogel oder Affen und wir machen einen kurzen Stopp, um uns diese etwas besser anzusehen. Ohne Fernglas wären wir hier jedoch verloren, denn meist spielt sich das Geschehen in hohen Baumgipfeln ab. Wir sehen unter anderem einen Black Solitary Eagle, einen Golden-Headed Quetzal, Tayras (sehen erstmal aus wie Affen, sind aber Marder), Wollaffen, die ersten riesigen Farne. Wir halten auch an einem speziellen Ausguck, wo man den Nationalvogel Perus bei der Balz beobachten kann: den Andenfelsenhahn (Cock of the Rock). Die Kamera hat leider nicht genug Tele, um die fernen Tiere gut einzufangen.

Nach und nach werden die Berge flacher und wir fahren häufiger durch kleine Dörfer. Mittlerweile sind wir über 11 Stunden unterwegs und die Dunkelheit bricht sehr schnell herein. Kurz bevor wir in Salvación ankommen, muss noch ein größerer Fluss durchquert werden, nach dem Regen der letzten Tage und bei der Dunkelheit keine leichte Aufgabe für Jimmy. Hinter uns wartet ein Colektivo (Sammeltaxi bzw. Bus) und es wird eine kurze Brücke aus herumliegenden Holz gebastelt, die zusammenbricht, während wir sie passieren, aber es klappt trotzdem.

Wir lernen lernen Darwins Frau Melba kennen und werden gut bekocht. Bei Gewittergrollen schlafen wir kurz darauf unter unserem Moskitonetz ein.