Teleférico

Die Teleférico. Mein neues Lieblingstransportmittel. Auch wenn es nicht die schnellste Variante ist, fahre ich fast jeden Tag damit ins Büro. Und zurück. Einfach weil ich kann. 

Das Telefériconetz besteht aktuell aus 10 Linien, eine davon eröffnete in einer meiner letzten Wochen in der Stadt und nun ist es möglich mittels Teleférico eine große Runde über die Stadt zu drehen. Ein besseres Sightseeing Programm gibt es kaum. In den Genuss kommen auch Kristin, Marleen und Gesa, die mich besuchen kamen. 

Die erste Linie wurde erst 2014 eröffnet, mittlerweile ist es mit über 30 km Gesamtstrecke das größte städtische Seilbahnnetz weltweit. Man muss dazu fairerweise sagen, dass die Geografie der Stadt ein Seilbahnnetz gerade zu aufdrängt. Zwischen El Alto und der Zona Sur, den südlichen Stadtteilen La Pazs, liegen fast 1000 Höhenmeter. Geplant und gebaut wurde die Seilbahn übrigens von einem österreichischem Unternehmen, wie sollte es anders sein. 

Teleférico Plateada in El Alto
Teleférico Plateada in El Alto, an der Grenze zu La Paz
Teleférico Amarillo von El Alto runter nach La Paz
Teleférico Amarillo hoch, Richtung El Alto
Teleférico Azul über einen kleinen Teil des Marktes in El Alto

Tiwanaku

An einem Samstag mache ich mit Nadine (meine Nachfolgerin bei der FES), Isabel und ihrem Mann auf nach Tiwanaku, ca. 15km vor dem Titicacasee. Isabel habe ich bei dem Workshop der Gewerkschafterinnen in Tarija kennengelernt und wir haben uns damals auch über Tiwanaku unterhalten. Da ihr Mann sich dort sehr gut auskennt, hatte sie angeboten, dort gemeinsam hin zu fahren. Isabel und Don fahren in einem großen blauem Pick-up vor und es geht erst einmal durch den La Pazer Stadtverkehr und hoch nach El Alto über das Altiplano. Ca. 1,5 Stunden später sind wir da. 

Tiwanaku ist eine Ausgrabungsstätte, die zu einem großen Teil noch nicht erforscht ist, nur rund 5% sind bislang überhaupt ausgegraben und untersucht. Dabei ist die Tiwanaku-Kultur um einiges älter und von längerer Dauer, als beispielsweise die Inka. Erst seit 2000 gehört der Ort auch zum UNESCO Weltkulturerbe. 

Man nimmt an, das Tiwanaku das religiöse und administrative Zentrum von ca. 1500 v. Chr. bis ca. 1200 nach Chr. war, mit einem Höhepunkt zwischen 600-900 n. Chr.. Warum die Kultur dann verschwand, weiß man nicht genau. Sicher ist jedoch, dass sie durchaus hoch entwickelt waren, es gibt verschiedene Tempelanlagen und die Art und Weise, wie die Mauern gebaut wurden, lassen darauf schließen.

Alte Relikte, die sich finden lassen, wie beispielsweise Schmuck und Keramik Gegenstände, weisen zudem darauf hin, dass die Kultur auch schon zu dieser frühen Zeit einen regen Austausch mit anderen Teilen des Landes gehabt haben muss, so finden sich bspw. Darstellungen tropischer Tiere auf zeremoniellen Krügen. 

Die Spanier nutzen das seinerzeit bereits verlassene Tiwanaku hauptsächlich als Steinbruch und errichtete in der Nähe und sogar Sucre Kirchen aus den Steinen, die sie in Tiwanaku fanden. Auf vielen der Statuen in Tiwanaku finden sich dann auch Kreuze, eingeritzt von den Spaniern, um den Ort zu „christianisieren“. 

Ein sehr schöner Tag und Isabel und Don freuen sich sichtbar, ihr Wissen mit uns teilen zu können. Am Ende sind wir uns einig: Der Hype um die Inkas liegt hauptsächlich an dem guten Marketing und Macchu Picchu.   

Bolivien und das Meer

Ja. Bolivien und das Meer. Jetzt mag man sich fragen. „Welches Meer?“. Genau das ist das Problem, denn Bolivien leidet sehr unter dem fehlenden Meereszugang. Ich hatte von der Thematik gehört, aber ich hatte unterschätz, was für ein großes Thema das in Bolivien und für Bolivianer ist. Ein Vorgeschmack gab ein Kinderbuch im bolivianischen Konsulat in Berlin, herausgegeben von dem Ministerium für Kommunikation, Auszüge hier: 

Da Drama eskalierte mit dem Salpeterkrieg zwischen Peru, Bolivien und Chile 1879 bis 1884. Bis dato hatte Bolivien Meereszugang und verfügte über eine Küste von ca. 400 km. Es begann damit, dass Bolivien eine neue Steuer auf chilenische Salpeterunternehmen einführte und damit gegen die bis dahin geltenden Verträge verstieß. Bolivien lehnte ein internationales Schiedsgericht ab und das Ganze schaukelte sich hoch: Chile besetze bolivianisches Gebiet, welches mehrheitlich von Chilenen besiedelt war. 

Eine Erzählweise besagt, dass Bolivien – zu der Zeit ohnehin militärisch schwach  – von der Invasion überrascht wurde, Chile nie offiziell den Krieg erklärte und zudem noch Karneval war, wo man ja nun wirklich von niemandem erwarten könne, sein Land zu verteidigen. 

Evo Morales hat auf internationaler Bühne in den vergangenen Jahren immer wieder auf das damals geschehene Unrecht hingewiesen und darum geworben, dass Chile zu Verhandlungen darüber verpflichtet werde. Ein Urteil des höchsten internationalen Gerichts in Den Haag aus dem vergangenen Jahr lehnt dies jedoch ab. Damit scheint die bolivianische Hoffnung zunächst zerschlagen, auch wenn die Niederlage niemand so recht eingestehen mag. 

So ist Bolivien auch das einzige Land weltweit, welches über eine Navy verfügt und keinen Meereszugang hat. Die Marine übt daher der einfachheithalber auf dem Titikakasee. 

Überall im Land sieht man dennoch Plakate die für einen bolivianischen Meereszugang werben, sogar Teleférico-Gondeln sind so gestaltet und es gibt natürlich einen nationalen Feiertag, den „Dia del Mar“, bei dem schon die Kleinsten in Papmaché-Booten durch die Straßen ziehen. Außerdem sind verschiedene Orte, Plätze, Schulen etc. in Andenken an den damaligen Meereszugang benannt. 

Ein wenig scheint das Motto zu sein „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, auch wenn niemand aktuell die Frage beantworten kann, wie das ganze doch noch zu einem guten Ende kommen soll. Zudem Chile – über welches ein Großteil des bolivianischen Im- und Exports läuft, daran auch gut verdient. Aktuell werden erste Kollaborationen mit peruanischen Häfen geprobt, aber auch das wird nicht zu einem bolivianischen Hafen führen, höchstens zu Steuererleichterungen. 

Villa Abecia

Und wieder steht ein Workshop an. Dieses mal 2,5 Tage mit dem RED de las Mujeres  Trabajadoras y Sindicalistas – den Arbeiterinnen und Gewerkschafterinnen. Die Gruppe ist bunt durchmischt, aus ganz unterschiedlichen Branchen und Altersgruppen sind Frauen aus ganz Bolivien dabei. 

Der Workshop findet in einem kleinen Hotel mit angeschlossener Bodega statt, schließlich sind wir in Villa Abecia, einem kleinen Dorf zwei Stunden nordwestlich von Tarija – bestes Weinanbaugebiet also. 

Die Landschaft ist unglaublich schön und zeigt sich auf der Autofahrt von Tarija ins Dorf sehr abwechslungsreich. Neben den konzentrierten Arbeitsphasen ist aber auch für ein ansprechendes Freizeitprogramm gesorgt. Wir besuchen den nahegelegenen Fluss und den Markt im Dorf. Am ersten Abend werde ich dann von der „Noche de Talentos“ – der Talentnacht überrascht. Alle Frauen haben einen Gesangs- und/oder Tanzbeiträge vorbereitet, viele tragen Karnevalskostüme.

Am zweiten Abend gibt uns Manuel, der Betreiber der Bodega mehrerer Flaschen seines Singani (Traubenschnaps) aus, die pflichtbewusst geleert werden, bevor die Frauen die Tanzfläche auf dem Plaza stürmen. Villa Abecia feiert nämlich Jubiläum, mit Livemusik und allem drum und dran. Man kann wertfrei sagen, dass die Anzahl an Personen auf der Tanzfläche um geschätzte 700% steigt, als unsere Gruppe ankommt. 

Die Tage mit den Frauen beeindrucken mich sehr, allesamt starke Persönlichkeiten mit Geschichte. Die herzliche Integration in die Gruppe rührt besonders. Ich hoffe, dass sie mit ihren Forderungen gehört werden, denn in dem Bereich der Gleichberechtigung von Frauen im Arbeitsleben hat Bolivien noch einen weiten Weg zu gehen.  

Zebras

Das erste mal gesehen habe ich sie bei John Oliver. Und ich war ähnlich begeistert, wie er. Es geht um die Zebras, die in La Paz eingesetzt werden, um den Verkehr zu regeln. Also genau genommen um Personen, die Zebrakostüme tragen und insbesondere zu Schulzeit an viel befahrenen Straßen den jüngsten Verkehrsteilnehmern über die Straße helfen und die Autofahrer zu mehr Disziplin erziehen. 

Dabei sind sie immer äußerst fröhlich und unterhalten alle Wartenden gut. Mehr als einmal hat mir ein Zebra zugewunken und mir enthusiastisch einen schönen Tag gewünscht. Und ja: jede Kreuzung wird besser mit Zebras. Mich erfreuen sie jedes Mal und nicht selten bleibe ich ein wenig länger stehen, um sie bei ihrer Arbeit zu beobachten.

Trinidad

Da Karneval und daher Feiertag ist, habe ich mich entschlossen, für die vier freien Tage nach Trinidad im Nordosten des Landes zu reisen. Trinidad liegt im tropischen Regenwald, im Amazonasbecken und lockt mit angenehmen 31 Grad und 95% Luftfeuchtigkeit. 

Da es zur Regenzeit nur mit dem Flugzeug zu erreichen ist, fliege ich in kurzen 50 Minuten von La Paz aus rüber. Während der Trockenzeit würde man für diese Strecke ca. 16h+ mit dem Bus benötigen. In Trinidad angekommen, treffe ich am Flughafen gleich ein Capybara, ein mit dem Meerschweinchen verwandtes, aber sehr viel größeres Wasserschwein, welches auf dem Grünstreifen neben der Straße grast.

Trinidad selbst ist nicht groß, am bemerkenswertesten ist der grüne Plaza Mayor, mit beeindruckend hohen Bäumen und die offene Architektur. Viele Häuser haben zum Gehweg einen überdachten Teil, der vor der heißen Sonne und den regelmäßigen, kräftigen Regenschauern schützt. 

Für den nächsten Tag habe ich mich für eine Bootstour angemeldet, es ist so schön, dass ich spontan auch noch die Nacht auf dem Schiff bleibe und erst am nächsten Morgen zurück nach Trinidad fahre. Die Reina de Eninerinnert ein wenig an einen Mississippi Dampfer. Ich lerne Diana und Brad kennen, ein nettes älteres Paar aus Canada. Alle anderen Gäste sind aus Bolivien, Cuba oder Spanien und ebenfalls sehr aufgeschlossen. Chao, der Guide auf dem Schiff kennt die Gegend sehr gut und gesellt sich in seiner freien Zeit häufig zu mir – hervorragend, nicht nur, weil er am vorbeiziehenden Flussufer blitzschnell Tiere entdeckt, die ich womöglich übersehen hätte. Ganz kurz lassen sich sogar einige der rosafarbenden Flussdelfine sehen, aber sie sind zu schnell, um ein gutes Foto zu machen. 

Am nächsten Tag fahre ich früh wieder nach Trinidad und verbringe den Tag mit Streifzügen durch die Stadt und ausgiebigen Pausen auf schattigen Bänken. Mittag esse ich in dem altehrwürdigen Club Social am Plaza. Mir bleiben noch zwei Tage in der Stadt und ich habe schon jetzt das Gefühl, mich recht gut auszukennen. Also nehme ich Kontakt zu Efrem auf, er wohnt in der Nähe und leitet ein sogenanntes „Wildlife-Center“. 

Am nächsten Morgen geht es mit dem Mototaxi (Motorrad) zum Hafen in der Nähe. Das Motorrad ist in Trinidad das bevorzugte Bewegungsmittel. Ganze Familien passen auf ein Motorrad, die besseren sind mit einem großen Schirm ausgestattet. Einen Helm habe ich die ganzen Tage nur einmal im Schaufenster eines Motorradladens gesehen. Während der halbstündigen Fahrt zum Hafen überrascht mich leider ein kräftiger Regenschauer, so dass ich vollkommen durchnässt bin, als ich Efrem an seinem Boot treffe. Damit geht es weiter zu der Farm, wo ich glücklicherweise trockene Sachen von ihm bekomme. Den Rest des Tages verbringe ich in schick gemusterter 70iger Jahre Hose und neongrünem Shirt.  

Zuallererst drehen wir eine Runde über das Gelände und durch den angrenzenden Dschungel, so die Regenstiefel hoch genug für die überschwemmten Gebiete sind. Efrem erzählt mir viel über die Pflanzen und ihre Einsatzgebiete, wir essen frische Kakaofrucht und versuchen uns irgendwie gegen die zahlreichen Mücken zu wehren. Danach zeigt er mir das kleine Museum, welches er mit seinem Vater über die Jahre aufgebaut hat. Die Farm liegt auf einem Hügel – eine große Seltenheit, denn dies ist gewöhnlicher Weise eine sehr flache Gegend. Erst vor einiger Zeit ist man zu dem Schluss gekommen, dass die Hügel, die hier und im Umland sind, vor Jahrhunderten von Menschen angelegt wurden. Eine Zivilisation, die weit verbreitet war und ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem hatte und das Amazonasbecken viel dichter bevölkert hatte, als man bislang dachte. Zugrunde gegangen ist die „Moxos“-Kultur dann vermutlich durch eine längere Dürreperiode einige Zeit bevor die Spanier die Gebiete als Kolonie eroberten. Das es hier keine Steine gibt und alle Häuser etc. demzufolge aus pflanzlichen Materialien gebaut waren, sind heute nur noch die Keramiküberreste der Moxos zu finden. 

Am Nachmittag fahren wir mit einem flachen Boot tiefer in den Wald und die überfluteten Gebiete, beobachten Faultiere und Affen und angeln in der Lagune erfolgreich einen Piranha und einen Katzenfisch, beides gibt es später zum Abendessen. Als es nach dem Essen dunkel ist, fahren wir noch einmal raus, um Caimane zu sehen. Diese findet man am einfachsten mit einer Taschenlampe, denn die Augen reflektieren gut und verraten ihr Versteck im Wasser, dann fahren wir mit dem Boot langsam heran und Efrem greift sehr gezielt zu. Und schon hat man ein ca. 2-3 monatigen rund 70 cm großen Caiman im Boot. Efrem erklärt mir genau, was die Besonderheiten dieser Tiere sind, zeigt, wie man die Geschlechter unterscheidet und dann habe ich die Ehre, das Tier wieder ins Wasser zu lassen. Das Spiel wiederholen wir insgesamt dreimal, bevor Efrem mich mit Boot und Motorrad wieder zurück nach Trinidad bringt. 

Am nächsten Tag geht mein Rückflug erst am Nachmittag. Den Vormittag verbringe ich damit, die „Karnevalsfeierlichkeiten“ um den Platz zu beobachten. Den großen Umzug habe ich zwar leider verpasst, aber dafür kann ich jetzt die Kinder und Jugendlichen beobachten, wie sie sich Wasserschlachten liefern und ihre Munition am Brunnen auf dem Platz nachfüllen. Eigentlich ist das Werfen von Wasserbomben zu Karneval seit einiger Zeit verboten, aber bei 30 Grad Außentemperatur ist das auch wirklich nichts, was hier irgendjemanden aufregen würde.   

Sucre

Für einen Workshop der FES verschlägt es mit für zwei Nächte nach Sucre, der Konstitution nach Boliviens Hauptstadt. Neben dem eintägigen Workshop mit Gewerkschaftsvertretern bleibt auch ein wenig Zeit, die Stadt zu erkunden. Das Hotel, in dem ich und andere Workshop Teilnehmer untergebracht sind, liegt praktischerweise direkt am Hauptplatz, dem Plaza 25 de Mayo. Dieser ist abends gut mit Menschen gefüllt und sehr lebhaft, Rapbattle ziehen auch hier die meisten Leute. Sucre wird wegen der vielen weißen Kolonialbauten auch die weiße Stadt genannt – vollkommen zurecht, wie ich bei Ankunft feststelle. 

Was in La Paz die Zebras sind, sind in Sucre Dinos, die die Verkehrserziehung übernehmen. Eine Hommage an die Dinosaurierspuren, die man in der Nähe von Sucre gefunden hat. 

Ein besonderes Highlight ist das „Casa de la Libertad“ – Haus der Freiheit, in welchem seinerzeit 1825 die Unabhängigkeitserklärung Boliviens (damals „Alto Peru“) von Peru unterzeichnet wurde, ebenso wie die erste Verfassung. Zudem traf sich hier, bis 1898 der Kongress. Heute ist es Museum und ich nutze die wenigen Stunden vor Abflug für einen kurzen Besuch.   

Potosí

Nachdem sich unser Bus seinen Weg durch ein beeindruckendes Gewitter gebahnt hat, kommen wir kurz vor Mitternacht in Potosí an und nehmen das erstbeste Taxi zum Hotel. Durch die regenbetropften Scheiben macht die Stadt schon einmal einen ganz schönen Eindruck. Im Hotel angekommen fallen wir eigentlich nur noch ins Bett, zuvor befreien wir aber noch unsere Füße von dem ganzen Salz und müssen dabei feststellen, dass wir uns auf den Füßen einen ordentlichen Sonnenbrand zugezogen haben. Auch die Füße einzucremen, ist uns nicht eingefallen. 

Am nächsten Tag erkunden wir die Stadt und machen etwas außerhalb eine kleine Wanderung, vorbei an mehreren Stauseen. Dabei werden wir wieder von zahlreichen Lamas begleitet. Zum späten Mittagessen sind wir zurück, wir probieren die „Sopa de Vulcano“, eine Suppe mit heißem Lavastein, für die Potosí so bekannt ist. Der heiße Stein wird in der Suppe platziert, weswegen sie quasi noch kocht, wenn sie serviert wird. Am Nachmittag schauen wir uns das Casa de Moneda an. Potosí war früher nicht nur eine sehr große Stadt, sondern aufgrund der nahegelegen Silbermine auch eine der reichsten Städte Lateinamerikas, bevor die Spanier den allergrößten Teil nach Spanien schufen. Das Casa de Moneda ist jedenfalls die ehemalige Münzprägestätte. Die Tour ist interessant, auch wenn der Guide es sehr eilig zu haben scheint.  

Für den nächsten Tag haben wir eine Tour gebucht, um eine der nahegelegenen Minen zu besuchen, welche die Stadt so sehr prägen. Die Tour läuft allerdings etwas anders ab, als sonst, denn es ist „Dia del compadre“ – ein Festtag an dem die Männer sich und ihre (Männer-)Freundschaften feiern. In der Mine wird heute also kaum gearbeitet, denn die Männer sind mit feiern, trinken, singen und tanzen beschäftigt. 

Zunächst geht es mit der Gruppe – eine bunte Mischung aus Reisenden aus Europa und einem Peruaner – aber erst einmal zum umziehen. Wir bekommen Hosen, Jacken, Gummistiefel, Helm und Lampe. Unser Guide hat bis vor einigen Jahren selbst in der Mine gearbeitet. Mit ihm und zwei weiteren Begleitern werden wir später selbst in den Berg steigen. Zunächst einmal müssen wir jedoch auf dem nahgelegenen Markt der Minenarbeiter einkaufen, damit wir entsprechende Geschenke mitbringen können. 

Die Minen in Potosí sind nicht in Hand eines großen Unternehmens sondern sind durch Kollektive selbstorganisiert. Dass heißt aber auch, dass die Kumpel für ihre Ausrüstung und das Dynamite selbst verantwortlich sind. In einem kleinen Laden werden uns die wichtigsten Utensilien gezeigt. Die Stangen Dynamite sind sehr unscheinbar und ich kann mir kaum vorstellen, wie sie eine so große Sprengkraft entwickeln sollen. Die Männer der Runde werden – aufgrund des besonderen Tages – geehrt und bekommen Luftschlangen umgelegt. Man gratuliert sich gegenseitig. Es sieht großartig albern aus und wird noch alberner dadurch, dass alle Bolivianer das ganze sehr ernst nehmen. Wir kaufen Wasser und 96-prozentigen Alkohol, denn heute wird, wie gesagt, gefeiert. Außerdem glauben die Minenarbeiter, dass sie höhere Chancen haben, reines Mineral zu finden, wenn sie auch möglichst reinen Alkohol trinken. 

Bei den Minen angekommen, zeigt sich schon, dass heute das Feiern im Vordergrund steht. Vor dem Eingang treffen wir viele Kumpel die schon seit einiger Zeit dabei sein müssen – oder aber etwas mehr von dem fast reinem Alkohol hatten. Wir gehen in die Mine und machen nach einem kleinen Fußmarsch einen ersten Stop bei „El Tio“. El Tio ist eine Art Teufelsstatue, der man mit Cocablättern, Zigaretten und Alkohol gutes tun muss. Außerdem hat El Tio einen sehr großen Penis. Wir erfahren mehr über die Arbeitsbedingungen in der Mine – die meisten arbeiten zwischen 10 uns 12 Stunden am Stück hier – ohne Essen, denn dass ist in der staubigen Mine nicht möglich. Mit Trinken und vor allem dem Kauen von Cocablättern, halten die Männer den Tag mit der körperlich extrem anstrengenden Arbeit durch. Die Lebenserwartung eines Minenarbeiters liegt irgendwo knapp unter 50 Jahre und immer wieder kommt es auch zu tödlichen Unfällen in der Mine. Dennoch ist der durchschnittliche Verdienst fast dreimal so hoch, wie in der Stadt und viele Familien haben 1-2 oder mehrere Familienmitglieder, die dadurch einen sehr guten Verdienst haben. Wie lange sich in den Minen noch Mineralien finden lassen, weiß niemand. Sicher ist nur, dass sollten die Minen irgendwann nicht mehr ertragreich sein, die Stadt sehr leiden wird und ein Großteil der Bewohner sicherlich wegziehen wird. 

Weiter geht es durch die feuchten, staubigen und niedrigen Gänge. Mehr als einmal bewehrt sich der Helm als sehr hilfreich. Wir treffen auf einige Bergmänner und können einem direkt auch beim arbeiten zusehen und uns kurz mit ihm unterhalten. Dazu muss man einen niedrigen Gang bergauf klettern, ehe man dort ist, wo der Kumpel gerade Löcher in den Stein schlägt, in die später das Dynamit kommt. Ein Knochenjob. 

Die Mine besteht aus verschiedenen Ebenen, über eine Leiter klettern wir eine Ebene tiefer, wo wir zwei Bergmänner treffen, die bei ihrem kleinen „El Tio“-Schrein den Tag feiern. Sie geben der ganzen Gruppe Bier aus und natürlich müssen wir auch etwas von dem Alkohol trinken, den wir ihnen schenken. Sie reichen eine große, volle Plastikflasche herüber, die eine Mischung aus Wasser und Alkohol beinhaltet. Bevor diese nicht geleert ist, dürfen wir nicht weiter ziehen. Das Gute beim Trinken unter Tage ist, dass man immer beliebig viel auf den Boden schütten kann, um es Pachamama – Mutter Erde – zu opfern. Ich glaube, Pachamama ist an diesem Tag gut durch uns versorgt. 

Nach über 4 Stunden treten wir endlich wieder ans Tageslicht und werden dort gleich von feiernden Kumpeln begrüßt. Es gibt wieder Luftschlangen für die Männer. Ich bin sehr froh, wieder an der frischen Luft zu sein und freue mich auf das nächste Essen. Nachdem es bislang nur Frühstück und dann Bier und Schnaps gab, habe ich hier etwas nachzuholen. 

Nach einer großen Pizza besuchen wir noch eine der Kirchen im Stadtzentrum um den Blick vom Turm zu genießen. Am selben Abend nehmen wir einen Nachtbus nach La Paz, dieses Mal können wir jedoch kaum schlafen. Es geht gefühlt die ganze Fahrt auf sehr kurvigen Straßen bergab.    

Uyuni

Bevor Timur zurück nach Deutschland fliegt, wollen wir noch eine Woche gemeinsam reisen. Wir ziehen also noch schnell mit allen Sachen aus der gemeinsamen Wohnung aus und einen Block und 5 Stockwerke höher in mein neues WG Zimmer ein. Dann werden die Rucksäcke schnell neu organisiert und es geht mit dem Nachtbus in 7,5h nach Uyuni. Dort angekommen werden wir am Bus eingesammelt und in ein Café gebracht, wo wir noch frühstücken, bevor wir auch schon – von wieder anderen Personen – zu einer Reiseagentur gebracht werden um die letzten Details der Reise zu klären. Aufgrund des „Wetterberichts“ starten wir die 3-Tages Tour nicht am Salzsee sondern fahren direkt in den Süden, in den Nationalpark. In dem Jeep, in den wir nun einsteigen, sitzt bereits ein Paar aus Chile und ein weiteres Paar – er Franzose, sie in Australien lebende Chinesin. Der Fahrer, Guide und Koch für die nächsten zwei Tage – Tito – ist Argentinier, lebt aber schon lange in Bolivien.

Am Anfang geht es noch über asphaltierte Straßen, bevor wir am Nachmittag dann nur noch querfeldein einigen anderen Radspuren folgen, um uns unseren Weg durch die karge Landschaft zu bahnen. Die Landschaft ist extrem schön und wir sehen Nandus – große Straußvögel – Lamas, Alpaccas und verschiedene Arten von Flamingos auf den Bergseen.  Am Abend halten wir dann in einer einfachen Unterkunft. Zum Glück gibt es aber so viele Decken, dass uns nachts trotz der fast Minusgrade draußen, nicht kalt wird.

Am nächsten Tag geht es sehr früh (Frühstück halb 5) weiter, um zu den Geysiren zu fahren. Dort angekommen, lugt gerade die Sonne über die Bergspitze und es sieht mit dem ganzen Geblubber und den Dämpfen einfach sehr beeindruckend aus. Die Geysire wandern über die Zeit übrigens immer ein bißchen, man muss also wissen, wo man sie finden kann. Dann geht es weiter in eine Landschaft, die an die Gemälde von Dali erinnert und zu heißen Quellen, wo man ein Bad nehmen kann. Wir entscheiden uns stattdessen jedoch dafür, ein wenig an dem See entlang zu laufen, heiße Quellen hatten wir in Peru ja schon ausreichend und da waren sie auch nicht halb so voll, wie hier, wo sich alle Gruppen treffen und zwischen 20-30 Jeeps herumstehen. Dann liegt erst einmal eine größere Strecke Fahrt vor uns, bevor wir gegen Mittag in einem grünen Tal halten und dort zwischen Lamas und Flüssen zu einem kleinen See spazieren. Dann geht es schon zurück nach Uyuni, auf dem Weg dorthin behebt unser Fahrer noch in Rekordzeit einen platten Reifen. 

In Uyuni angekommen, wird es leider etwas unschön. Die Agentur teilt uns mit, dass wir die Nacht in Uyuni verbringen sollen um erst am nächsten Tag zum Salzsee hinauszufahren. Normalerweise verbringt man dort aber auch eine Nacht und sieht vor allem den Sonnenuntergang. Wir beschweren uns und das so lange und vehement in unserem quasi fließendem Spanisch, dass sie umorganisieren. Wir fahren also noch schnell zum Friedhof der Züge und dann in einen kleinen Ort relativ dicht an den Salzsee, wo wir in einem Salzhotel übernachten. Für den Sonnenuntergang ist es natürlich zu spät. Minimal versöhnt sind wir trotzdem, denn immerhin geben sie sich Mühe, den Fehler wettzumachen.

Dass wir am nächsten Tag sehr lange auf den Jeep warten müssen, der uns dann für die Tour auf dem See mitnimmt, dieser überbesetzt ist und es keine Gummistiefel gibt – was später das laufen auf dem sehr harten Salz fast unmöglich macht – sorgt allerdings nicht für die beste Stimmung. Trotzdem ist der riesige Salzsee, welcher gerade aussieht wie ein Spiegel, da Regenzeit und damit etwas Wasser da ist, beeindruckend. Ein Großteil des Tages wird dann aber doch damit verbracht „lustige“ Fotos zu machen, worauf wir nur bedingt Lust haben… Zudem wurde den restlichen Mitgliedern der Gruppe unterschiedliches versprochen – eine Brasilianerin ist verzweifelt, weil sie einen Bus bekommen muss – das Paar aus Peru möchte gerne den Sonnenuntergang sehen. Und wir sind ob den ganzen Diskussionen etwas müde geworden und wollen ebenfalls nicht Mitten in der Nacht in Potosí ankommen. Außerdem hätten wir uns ein wenig mehr Hintergrund zum Salzabbau hier gewünscht, aber der Fokus liegt leider deutlich auf dem Entertainment.

Schlussendlich fahren wir dann doch vor Sonnenuntergang zurück nach Uyuni und wir suchen uns in Rekordzeit einen Bus, der uns in 3 Stunden nach Potosí bringt. Zum Abendessen gibt es Grillhähnchen von der Straße und Pommes. Ein sehr typisches bolivianisches Essen.

Coroico

Fährt man von La Paz immer bergab, kommt man in die Yungas, die grünen Täler, in denen das Klima fast schon wieder tropisch ist und primär Coca und Kaffee angebaut wird. 

Wir machen uns an einem Freitagmittag auf, um in Coroico ein Wochenende zu verbringen. Ein wenig bequemer Van bringt uns in ca. 3,5 Stunden in den kleinen Ort, der sehr idyllisch auf einem Hügel über einem Tal mit Fluss thront. Wir haben ein kleines Häuschen gemietet, was einen unglaublichen Blick ins Tal bietet und ganz im Grünen liegt. Wir kommen am Freitagabend gerade noch rechtzeitig an, um einen Blick in der Abenddämmerung zu erhaschen, bevor es ganz dunkel wird. Am nächsten Tag wandern wir auf den nahegelegenen Berg und müssen uns dabei durch teils recht dichten Wald schlagen. Aber die Aussicht von oben belohnt für die Mühen. Wieder unten gibt es geräuchertes Schwein in einem Restaurant, bevor wir es knapp vor dem Regen wieder in unser Häuschen schaffen. Den restlichen Nachmittag gucken wir dem Regen zu und bewundern die sich ständig ändernden Wolkenformationen im Tal. 

Am Sonntag geht es dann früh zu Fuß los, Hanna hatte uns eine Kaffeeplantage in der Nähe empfohlen, die von einem Schweizer betrieben wird. Wir treffen Julia und lassen uns von ihr über die Plantage führen und in die Geheimnisse des Kaffeeanbaus und des Ernteprozesses einführen. Natürlich wird auch Kaffee verkostet. Außerdem gibt es hervorragendes Mittagessen: Lama in einer Soße aus Kaffee mit Quinoa. Sehr lecker. 

Danach geht es zurück nach La Paz, 3,5h – wieder in einem wenig bequemen Van. Am frühen Abend sind wir dann schon zurück. Die Yungas sind noch einmal eine ganz andere Welt und dabei doch sehr nahe. Die kommenden Tage denken wir immer wieder an den Ausflug zurück, nicht zuletzt wegen der zahlreichen Mückenstiche, die wir uns zugezogen haben.