Potosí

Nachdem sich unser Bus seinen Weg durch ein beeindruckendes Gewitter gebahnt hat, kommen wir kurz vor Mitternacht in Potosí an und nehmen das erstbeste Taxi zum Hotel. Durch die regenbetropften Scheiben macht die Stadt schon einmal einen ganz schönen Eindruck. Im Hotel angekommen fallen wir eigentlich nur noch ins Bett, zuvor befreien wir aber noch unsere Füße von dem ganzen Salz und müssen dabei feststellen, dass wir uns auf den Füßen einen ordentlichen Sonnenbrand zugezogen haben. Auch die Füße einzucremen, ist uns nicht eingefallen. 

Am nächsten Tag erkunden wir die Stadt und machen etwas außerhalb eine kleine Wanderung, vorbei an mehreren Stauseen. Dabei werden wir wieder von zahlreichen Lamas begleitet. Zum späten Mittagessen sind wir zurück, wir probieren die „Sopa de Vulcano“, eine Suppe mit heißem Lavastein, für die Potosí so bekannt ist. Der heiße Stein wird in der Suppe platziert, weswegen sie quasi noch kocht, wenn sie serviert wird. Am Nachmittag schauen wir uns das Casa de Moneda an. Potosí war früher nicht nur eine sehr große Stadt, sondern aufgrund der nahegelegen Silbermine auch eine der reichsten Städte Lateinamerikas, bevor die Spanier den allergrößten Teil nach Spanien schufen. Das Casa de Moneda ist jedenfalls die ehemalige Münzprägestätte. Die Tour ist interessant, auch wenn der Guide es sehr eilig zu haben scheint.  

Für den nächsten Tag haben wir eine Tour gebucht, um eine der nahegelegenen Minen zu besuchen, welche die Stadt so sehr prägen. Die Tour läuft allerdings etwas anders ab, als sonst, denn es ist „Dia del compadre“ – ein Festtag an dem die Männer sich und ihre (Männer-)Freundschaften feiern. In der Mine wird heute also kaum gearbeitet, denn die Männer sind mit feiern, trinken, singen und tanzen beschäftigt. 

Zunächst geht es mit der Gruppe – eine bunte Mischung aus Reisenden aus Europa und einem Peruaner – aber erst einmal zum umziehen. Wir bekommen Hosen, Jacken, Gummistiefel, Helm und Lampe. Unser Guide hat bis vor einigen Jahren selbst in der Mine gearbeitet. Mit ihm und zwei weiteren Begleitern werden wir später selbst in den Berg steigen. Zunächst einmal müssen wir jedoch auf dem nahgelegenen Markt der Minenarbeiter einkaufen, damit wir entsprechende Geschenke mitbringen können. 

Die Minen in Potosí sind nicht in Hand eines großen Unternehmens sondern sind durch Kollektive selbstorganisiert. Dass heißt aber auch, dass die Kumpel für ihre Ausrüstung und das Dynamite selbst verantwortlich sind. In einem kleinen Laden werden uns die wichtigsten Utensilien gezeigt. Die Stangen Dynamite sind sehr unscheinbar und ich kann mir kaum vorstellen, wie sie eine so große Sprengkraft entwickeln sollen. Die Männer der Runde werden – aufgrund des besonderen Tages – geehrt und bekommen Luftschlangen umgelegt. Man gratuliert sich gegenseitig. Es sieht großartig albern aus und wird noch alberner dadurch, dass alle Bolivianer das ganze sehr ernst nehmen. Wir kaufen Wasser und 96-prozentigen Alkohol, denn heute wird, wie gesagt, gefeiert. Außerdem glauben die Minenarbeiter, dass sie höhere Chancen haben, reines Mineral zu finden, wenn sie auch möglichst reinen Alkohol trinken. 

Bei den Minen angekommen, zeigt sich schon, dass heute das Feiern im Vordergrund steht. Vor dem Eingang treffen wir viele Kumpel die schon seit einiger Zeit dabei sein müssen – oder aber etwas mehr von dem fast reinem Alkohol hatten. Wir gehen in die Mine und machen nach einem kleinen Fußmarsch einen ersten Stop bei „El Tio“. El Tio ist eine Art Teufelsstatue, der man mit Cocablättern, Zigaretten und Alkohol gutes tun muss. Außerdem hat El Tio einen sehr großen Penis. Wir erfahren mehr über die Arbeitsbedingungen in der Mine – die meisten arbeiten zwischen 10 uns 12 Stunden am Stück hier – ohne Essen, denn dass ist in der staubigen Mine nicht möglich. Mit Trinken und vor allem dem Kauen von Cocablättern, halten die Männer den Tag mit der körperlich extrem anstrengenden Arbeit durch. Die Lebenserwartung eines Minenarbeiters liegt irgendwo knapp unter 50 Jahre und immer wieder kommt es auch zu tödlichen Unfällen in der Mine. Dennoch ist der durchschnittliche Verdienst fast dreimal so hoch, wie in der Stadt und viele Familien haben 1-2 oder mehrere Familienmitglieder, die dadurch einen sehr guten Verdienst haben. Wie lange sich in den Minen noch Mineralien finden lassen, weiß niemand. Sicher ist nur, dass sollten die Minen irgendwann nicht mehr ertragreich sein, die Stadt sehr leiden wird und ein Großteil der Bewohner sicherlich wegziehen wird. 

Weiter geht es durch die feuchten, staubigen und niedrigen Gänge. Mehr als einmal bewehrt sich der Helm als sehr hilfreich. Wir treffen auf einige Bergmänner und können einem direkt auch beim arbeiten zusehen und uns kurz mit ihm unterhalten. Dazu muss man einen niedrigen Gang bergauf klettern, ehe man dort ist, wo der Kumpel gerade Löcher in den Stein schlägt, in die später das Dynamit kommt. Ein Knochenjob. 

Die Mine besteht aus verschiedenen Ebenen, über eine Leiter klettern wir eine Ebene tiefer, wo wir zwei Bergmänner treffen, die bei ihrem kleinen „El Tio“-Schrein den Tag feiern. Sie geben der ganzen Gruppe Bier aus und natürlich müssen wir auch etwas von dem Alkohol trinken, den wir ihnen schenken. Sie reichen eine große, volle Plastikflasche herüber, die eine Mischung aus Wasser und Alkohol beinhaltet. Bevor diese nicht geleert ist, dürfen wir nicht weiter ziehen. Das Gute beim Trinken unter Tage ist, dass man immer beliebig viel auf den Boden schütten kann, um es Pachamama – Mutter Erde – zu opfern. Ich glaube, Pachamama ist an diesem Tag gut durch uns versorgt. 

Nach über 4 Stunden treten wir endlich wieder ans Tageslicht und werden dort gleich von feiernden Kumpeln begrüßt. Es gibt wieder Luftschlangen für die Männer. Ich bin sehr froh, wieder an der frischen Luft zu sein und freue mich auf das nächste Essen. Nachdem es bislang nur Frühstück und dann Bier und Schnaps gab, habe ich hier etwas nachzuholen. 

Nach einer großen Pizza besuchen wir noch eine der Kirchen im Stadtzentrum um den Blick vom Turm zu genießen. Am selben Abend nehmen wir einen Nachtbus nach La Paz, dieses Mal können wir jedoch kaum schlafen. Es geht gefühlt die ganze Fahrt auf sehr kurvigen Straßen bergab.